Neues von Boris (4) – Diplomatie und Sanktion

Boris läuft mit knallrotem Kopf in der Küche auf und ab und flucht. Zu meiner Verwunderung auf französisch – er hat beim Ausmisten seines Zimmers eine alte Hörspielkassette mit dem einprägsamen Titel: »Putain bordel de merde – Fluchen im Land der Liebe leicht gemacht – Leçon 1 – Texte B« wiedergefunden. Die Ader auf seiner Stirn pulsiert im Rhythmus zu Lady Gagas blechernem Sound, der disharmonisch aus dem Weltempfänger schallt. Alle Versuche, dieses alte Erbstück meines Großvaters, welches normalerweise weniger Gaga und mehr Morsebotschaften des russischen Geheimdienstes aussendet, aus der WG zu verbannen, waren bislang gescheitert. Insgeheim bin ich fest davon überzeugt, dass eines Tages mehrere uniformierte KGB-Mitarbeiter vor unserer Tür stehen werden, um uns wegen Spionagetätigkeiten nach Novosibirsk zu verschleppen.

»Hiermit erkläre ich unsere diplomatischen Beziehungen für gescheitert!«, brüllt Boris in den Hörer unseres 50er-Jahre Retro-Telefons mit Wählscheibe und knallt ihn auf die Gabel. Technischen Innovationen den aktuellen Entwicklungen am Telekommunikationsmarkt entsprechend stand unsere WG schon immer sehr aufgeschlossen gegenüber. Ich blicke meinen Mitbewohner fragend an.

»Die haben es tatsächlich getan«, fährt er fort. »Sämtliche Transferzahlungen wurden aufgrund eines erhöhten Kostendrucks in den Bereichen Forschung und Entwicklung rückwirkend auf den Ersten diesen Monats eingestellt. Dieser daraus resultierende Handelsboykott des marktbeherrschenden Teilnehmers A hat die drohende Handlungsunfähigkeit des schlechter gestellten Individuums B, in dem Fall mir, zur Folge. Die regelmäßig fließenden und auf den Bedarf von B, also mir, zugeschnittenen, gesetzlich vorgeschriebenen Subventionsströme wurden nun fiskalpolitisch gestrichen. Kurz um: Ich bin pleite, zu alt und freie Marktwirtschaft ist scheiße!«

Ich starre meinen Mitbewohner immer noch mit weit aufgerissenen Augen an. Seit er zum neuen Vorsitzenden der SPD Dorffraktion gewählt worden ist, benimmt er sich etwas seltsam.


»Wer sind denn die?«, möchte ich von ihm wissen.

»Na meine Eltern, du Horst!«, platzt es aus ihm heraus.
»Die testen wieder Atomwaffen.« Er deutet mit einem Kopfnicken auf den Weltempfänger, der mittlerweile wieder Klopfbotschaften aussendet.

»Wieso testen deine Eltern Atomwaffen?«

»Die doch nicht! Nordkorea.« Grinsend zeigt er mir seine eingerahmte Teilnahmebestätigung am VHS Kurs »Mit den Ohren hört man besser – Morsen im freien Westen leicht gemacht.« Diese Satellitengeräte seien ja schon sehr praktisch und viel schneller als n-tv, erklärt er mir, und ich denke mir, dass dieses Gerät weg muss, ganz dringend weg.

»So, und was ist jetzt mit deinen Eltern?«, möchte ich von ihm wissen.

»Na, die stecken doch mit denen unter einer Decke«, erwidert Boris.

»Wieso stecken deine Eltern mit Nordkorea unter einer Decke?«

»Doch nicht mit denen, du Idiot! Mit dem Staatsapparat natürlich! Alle meine Konten sind eingefroren, der Dispo unbewilligt, die TAN Liste gesperrt und ich habe nur ein Onlinekonto ohne Recht auf persönliche Betreuung. Die ziehen mir ja schon einen Euro ab, wenn ich nur die Filiale betrete, geschweige denn eine Überweisung abgebe. Das kann doch nun wirklich kein Zufall sein! Die staatliche Bezuschussung für fleischgewordenes Erbgut greift nur bis zu einem gewissen Alter. Durch diese immensen finanziellen Einschnitte und dem damit einhergehenden Ausbleiben einer Gewinnausschüttung seitens des Erzeugers A als Investition in die Zukunft von B sehe ich mich gezwungen, als Human-Kapital auf den Markt für humane Ressourcen ohne Kernkompetenzen zu treten. Die Folgen sind absehbar: Zeitmangel, Unterbezahlung, Burn-out, Tod. Sprich, meine Eltern bekommen keine Kohle mehr, ich keine Unterstützung von zu Hause und der Staat einen Arbeitslosenstatistikfälscher mehr. Das kann ja wohl niemand wollen.«

Ich betrachte meinen Mitbewohner, der im Unterhemd auf unserem Sperrmüllsofa sitzt und Bier trinkt und fange an zu lachen. Boris hingegen macht unbeirrt weiter.

»Fakt ist doch«, erklärt er mir, »dass auf dem Arbeitsmarkt Arbeitskraft in Zeiteinheiten und, jetzt kommt’s, Qualifikationen gemessen wird und ich nur einen Bachelor habe. Wie passt das denn zusammen? Heute ist es ja fast sinnvoller nur das Abi im Lebenslauf anzugeben um wenigstens noch eine kleine Chance auf einen Job zu haben. Da mache ich nicht mehr mit. Wenn zwei Marktteilnehmer spielen und einer bricht die Regeln, dann müssen Sanktionsmechanismen greifen, die sich gewaschen haben.«

Er rennt wütend aus der Küche und verschwindet in seinem Zimmer.

Als ich eine halbe Stunde später eben dieses betrete, sitzt Boris mit Parka und Arafat-Tuch auf dem Boden und starrt in eine Kamera. Die Fenster hat er mit schwarzem Krepp-Papier abgedunkelt und sich aus alten Laken und Decken, die zu Ostzeiten einmal sehr modern gewesen sein müssen, eine kleine Höhle gebaut. Auf der Hinterseite befindet sich ein Banner mit der Aufschrift: »Studium für alle und zwar bis 30!«

»Was zur Hölle soll das denn werden?« Mein Blick schweift durch sein Zimmer.

»Ich verschicke Grußbotschaften per YouTube an meine Eltern!«, erwidert Boris und grinst. »Sowas klappt heute doch am Besten, wenn man seinen Forderungen Ausdruck verleihen möchte. Siehe Bin Laden und so.«

»Du, der ist aber mittlerweile tot«, merke ich an.

Mein Mitbewohner zuckt nur mit den Achseln. »Och, immerhin hat er eine Menge Applaus beim Abgang bekommen. Das wär’s mir wert«, erwidert Boris.

Als wir am Abend in der Küche zusammen sitzen, strahlt er bis über beide Ohren und öffnet eine Flasche edlen Champagner.

»Gibt’s was zu feiern?«, frage ich. Auch im Hinblick auf die romantische Tischdekoration. Boris nickt.

»300.000 Klicks und eine Einladung bei Markus Lanz zum Thema: Dicke Luft am Hindukusch – was können wir von den Taliban lernen?«

»Gewusst wie«, denke ich mir und proste ihm freundschaftlich zu.

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Das ABI Treffen

»Das ist meiner, hihi.« Pia hält mir ihr Smartphone mit ausgestreckten Arm unter die Nase und grinst. »Luca, 25. Woche. Süß, nicht?«

»Süß? Ähm, nicht!«, denke ich. Auf diesen Ultraschallbildern konnte ich noch nie wirklich viel erkennen. Da konnte genauso gut süßes, heranwachsendes Leben zu sehen sein wie Grußbotschaften von der MIR oder die Kraterlandschaft irgendeines noch unerforschten Planeten.

»Wird mal ein richtig hübsches Kind, hat der Arzt gesagt!«

»Dafür müsste ich erst mal den Vater sehen«, denke ich, und überhaupt, was soll der Arzt auch sonst sagen? »Es tut mir schrecklich Leid, aber ihr Kind, also, schön ist das nicht!« Das ist doch Quatsch!

Pia lächelt nur und streichelt beiläufig über ihren Bauch. »Ach, es ist so schön zu merken, wie neues Leben in einem zu wachsen beginnt.«

Ich denke an »Alien – Die Rückkehr« und habe da so meine Zweifel.

»Willst du mal fühlen?«

»Nein, lieber nicht!«, antworte ich spontan und zu langsam. Sie grapscht nach meiner Hand und legt sie auf ihren Bauch. Den Stößen nach zu urteilen scheint das Kind gerade dabei zu sein, mir durch die Bauchdecke hindurch auf halbem Wege entgegen zu kommen.

»Und, spürst du was?«

»Ja, wir haben es gereizt«, sage ich und ernte einen verständnislosen Blick.

»Wir haben schon alles für klein Luca eingerichtet«, erzählt mir Pia voller Stolz.

Ich denke an die üblichen »Baby an Board«- und »Luca fährt mit«-Aufkleber auf der Heckscheibe oder Strampler mit so unglaublich kreativen Aufdrucken wie »Milk, Mum and Rock’n’Rülps«.

»Wir posten alle zwei Tage ein neues Ultraschallbild für unsere Freunde auf Facebook. Lucas Papa ist Arzt, musst du wissen.«

Ich bezweifle die Unbedenklichkeit von Ultraschalluntersuchungen an schwangeren Frauen in diesem Ausmaß, kann mir ein Schmunzeln aber doch nicht verkneifen, weil ich schon wieder an »Alien – Die Rückkehr« denken muss.

»Es ist so ein schönes Gefühl, der Erde einen Engel zu schenken und Verantwortung für neues Leben zu haben. Hast du eigentlich auch Kinder?«

»Nein, aber zwei Fische auf http://www.FreeAquaZoo.de«, erwidere ich.

»Bist du denn verheiratet?«

»Nein, ich bin ledig«, antworte ich und höre wie meine letzten Worte im auf einmal mucksmäuschenstill gewordenen Gasthof »Zum Goldenen Ochsen« widerhallen. Sämtliche Augen sind auf mich gerichtet. Ich hätte auch sagen können, dass ich drei Mal geschieden bin, vier uneheliche Kinder von fünf Frauen habe, arbeitslos und auf Crack hängengeblieben bin. Die Reaktion wäre kaum anders gewesen.

»Hach, dann bist du bestimmt Geschäftsmann und viel auf Reisen. London, Mailand, Tokyo. War ja schon immer ein Traum von dir ganz groß hinaus zu kommen. Ist das aufregend. Was machst du denn genau?«, bricht Pia das Schweigen.

»Kunst. Mehr so Gießen, Hanau, Wetzlar«, antworte ich.

»Kunst? Du kannst doch gar nicht malen!«, wirft mein ehemaliger Kunstlehrer in den Raum. Alle lachen. In der 11. Klasse bin ich tatsächlich aus dem Kunstunterricht geflogen, da ich beim Versuch, räumliche Tiefe zu modellieren, ein Haus skizziert habe mit dem Hinweis: »Runter geht’s hier lang« mit Pfeil nach unten und »Keller siehe nächste Seite!«

»Und was machst du so für Kunst?«, fragt Pia weiter.

»Ich schreibe Geschichten«, erkläre ich.

»Du kannst doch gar nicht schreiben!«, platzt es aus meinem Deutschlehrer heraus. Er macht mich darauf aufmerksam, dass ich einmal zum Thema »Analysieren Sie Edgar Allen Poes Werk ‚Der Rabe‘« ein sechs Seiten umfassendes Pamphlet über die Rolle des Vogels im Tierreich verfasst habe.

»Also schreiben kann er. Nur rechnen nicht«, mischt sich nun auch noch mein Mathelehrer in die Diskussion ein.

Im Zuge meiner Unfähigkeit, mathematische Zusammenhänge zu erkennen, habe ich stets jeden meiner Rechenschritte mit einer halbseitigen Abhandlung über die Gründe meines Vorgehens ergänzt, um wenigstens noch Mitleidspunkte zu erhaschen. Mit der Folge, Kommentare am Seitenrand aufzufinden wie: »Ich habe mich schrecklich amüsiert, lieber Martin, aber rechnerisch ist deine Arbeit kaum zu bewerten, da du mehr Fehler machst als die Aufgabe Punkte besitzt.«

»Und was schreibst du so für Geschichten?«, möchte Pia von mir wissen.

»Och, mehr so lustig und ohne literarischen Anspruch«, erwidere ich.

»Also schreibst du keine Bücher?«

»Nein ich trete mehr so auf Bühnen auf.«

»Hihi, du warst ja früher schon immer der Klassenclown, gell? Da ist ja Zirkus genau das Richtige!«

Während ich mich entspannt zurücklehne und eine Zigarette rauche, beobachte ich, wie sich die schon zu Schulzeiten existierenden Grüppchen im großen Festsaal verteilen. Für einen kurzen Moment fühle ich mich wie Moses, der das Rote Meer geteilt hat.

»Wohnst du denn noch zu Hause?«, fragt Robert.

»Nee, in Marburg«, sage ich.

»Magdeburg? Das im Osten?«

»Ne, Marburg. Deutschland.«

Robert schaut mich an als würde ich von einem erst vor kurzen entdeckten neuen Kontinent sprechen. Mein Erdkundelehrer grinst mich an und schweigt. Ich proste ihm zu und beschließe, mich den restlichen Abend auf das Wesentliche zu konzentrieren. Lebensgeschichten machen eh erst dann Sinn, wenn das Leben Geschichte ist. Alles andere verfälscht die Bilanz.

Der Herr der Schlüssel

„Ich habe mich in meiner Wohnung eingesperrt. Könnten Sie mir bitte helfen?“

Der Mann am anderen Ende der Leitung schweigt unüberhörbar und kratzt sich – so hoffe ich – den Bart.

„Können Sie denn beweisen, dass es auch wirklich Ihre Wohnung ist?“, fragt er. Ich blicke mich um und stelle fest, dass zumindest die Umzugskartons, die nun seit 2 Monaten  unangetastet in meinem Flur herum stehen, mit meiner ordnungsspezifischen Beschriftung versehen sind: „Essen, waschen, leben, Pornos.“

„Jaaaa“, erwidere ich. „Ich stehe wie gesagt in meiner Wohnung!“ Der Mann lacht

„Das ist doch kein Argument!“

Nein, natürlich ist es kein Argument, denke ich. Wer kennt sie nicht, diese fiesen Einbrecherbanden, die zunehmend persönliche Wertgegenstände in Praktiker-Kartons verpackt zu ihren Einbrüchen mitnehmen.

„Hören Sie“, fahre ich fort, „wenn es nicht meine Wohnung wäre, hätte ich Sie bestimmt nicht angerufen, sondern wäre gleich vom Balkon gesprungen.“ Der Mann zögert. Das Argument war gut, denke ich.

„Warum springen Sie dann nicht?“, fragt er. Das Argument war doof, denk ich.

„Weil es regnet“, erwidere ich etwas unsicher. Schon wieder dieses Kratzen.

„Und wieso wollen Sie dann unbedingt raus?“

„Weil das Gefühl so schön ist, wenn man rein kommt“, erwidere ich etwas zögernd.

„Achso, macht Sinn. Na dann komm ich mal, was?!“ Er legt auf. 20 Minuten später klingelt es an meiner Haustür.

„Och, das ist ja lustig. Eigentlich stehen meine Kunden immer hier draußen und frieren!“ Ich schaue ihn durch den Türspion an. Er hat keinen Bart!

„Och, das ist ja lustig“, entgegne ich ihm, „eigentlich tue ich das auch.“ Der Mann schaut etwas irritiert.

„Und wieso heute nicht?“

„Meine Zigaretten sind alle“, erkläre ich und das war nicht mal gelogen. Natürlich besteht kein Grund bei einem dermaßen miesen Wetter auch nur einen Schritt vor die Tür zu machen, wenn nicht der Umstand einer leeren Zigarettenschachtel dies erfordern würde. Es gibt ja nur wenige Dinge, die einem den Morgen verderben können: Erstens keine Kaffeepads, dafür aber Milch und Zigaretten oder zweitens: Kaffeepads und keine Milch, dafür aber Zigaretten. Drittens: Weder Kaffeepads noch Milch, aber Zigaretten. Oder aber und das ist der schlimmste Fall, Kaffeepads und Milch vorhanden, aber keine Zigaretten.

„Was hat das mit mir zu tun?“ unterbricht der Schlüsseldienst mein Gedankenkarussel.

„Ich würde mir ja Zigaretten kaufen“, erkläre ich, „aber ich habe mich wie gesagt eingesperrt.“ – „Achso“, sagt er. Der Mann scheint zu verstehen, denke ich.

„ Also, Zigaretten habe ich.“ Der Mann scheint mich nicht zu verstehen, denke ich und frage mich außerdem, wie er meine Sucht durch die geschlossene Tür befriedigen will. Durch den Türspion mit Sicherheit nicht.

 

„Eigentlich müsste ich meine Kunden an dieser Stelle bitten mir die Wohnung zu beschreiben um sicher zu gehen, dass es auch wirklich ihre ist“, erklärt er mir. „Das macht in diesem Fall aber nicht viel Sinn, oder?“

„Macht nicht viel Sinn, nein!“

„Und was machen wir jetzt?“

„Nun, ich könnte Ihnen ja beschreiben wie es draußen aussieht“, schlage ich vor.

„Das erscheint mir jetzt auch nicht so sinnvoll“, erwidert das Schlüsselkind. Langsam bin ich genervt.

„Könnten Sie jetzt bitte die Tür aufmachen?“ Der Mann nickt, kramt in seiner Kiste und stochert mit dem Schlüssel der Macht im Schloss herum. Kurze Zeit später ist er drin. Endlich!

 Sie haben eine schöne Wohnung. Also, wenn es Ihre sein sollte.“ Er lächelt und sucht den Raum nach eventuellen Gegenständen ab, mit denen er mich im Fall der Fälle in die Flucht schlagen kann.

„Danke, frisch renoviert“, entgegne ich ihm. Sein Blick wandert durch die einen Spalt weit aufstehende Schlafzimmertür.

„Da liegt jemand in Ihrem Bett“, bemerkt er und verlangt nach einer Antwort. Ich tue das einzig Richtige, blicke überrascht, halte mir die Hand vor den Mund um meinem blanken Entsetzen mehr Ausdruck zu verleihen und erwidere: „Oha. Jetzt ham´sie mich aber erwischt!“

„Das ist meine Freundin!“

Er atmet durch.

„Sicher?“

„Nun, ich kann es natürlich noch mal überprüfen, aber ich müsste mich schon schwer irren, wenn es nicht so wäre.“

Der Mann bleibt skeptisch.

 

 

„Könnten Sie Ihre Freundin bitte wecken. Ich muss mich absichern. Vorgaben, Sie verstehen sicherlich?!“ Das meint er jetzt nicht ernst, hoffe ich.

„Sicher?“, frage ich, um mich abzusichern. Er grinst.

„Ganz sicher.“

 

Auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass dies für die Gesamtsituation förderlich sein würde, lege ich mich aufs Bett und hauche ihr mit dem Odem des Morgens ins Ohr:

„Schatz, wach auf. Ich brauche ein Alibi.“ Das wollte ich schon immer mal sagen, denke ich. Meine Freundin dreht sich orientierungslos um. Für einen ganz kurzen Moment fühlte ich mich auch nicht mehr sicher.

Ihr „Blick“ wandert von mir zu dem Typen mit dem Schlüsselbund, der sich sicherheitshalber hinter dem Türrahmen verschanzt hat und dann wieder zurück.

„Der Herr glaubt nicht, dass ich hier wirklich wohne“, erkläre ich.

„Kann man schon glauben“, brummt sie in unsere Richtung. Der Mann steht plötzlich neben uns.

„Geht es Ihnen gut?“ fragt er. Sie blickt mit zusammengekniffenen Augen auf den Wecker und schüttelt verständnislos mit dem Kopf.

„Ist das hier ’ne Soap?“

„Nur ein Kundengespräch“, erkläre ich.

„Ich habe da so meine Vorgaben, Sie verstehen?“, fügt der Mann hinzu. Er bewegte sich argumentativ auf seeehr dünnem Eis. Meine Freundin starrt ihn nun mit weit aufgerissenen Augen an.

„Die Frage ist wohl eher ob es Ihnen gut geht!?“

Der Mann nickt. Ich verschanze mich hinter dem Türrahmen.

„Sicher?“ Er verlässt kommentarlos den Raum und schließt hinter sich ab. Meine Freundin greift in die Nachttischschublade, holt eine Schachtel Zigaretten zum Vorschein und geht auf den Balkon.

„Magst du?“ Sie lächelt und reicht mir Feuer. Ich blicke nach draußen.

Es regnet.

 

 

++++SPOILER+++*

Um meine und eure Vorfreude zu steigern, möchte ich bekannt geben, dass der Text mit euren vorgegeben Wörtern mir zwar den letzten Nerv geraubt hat, aber so gut wie fertig ist.

Es ist ein Text aus der soeben ausgedachten Reihe: „Promille, Promille, Promille “ und handelt von Metal-Manfred, dänischem Kartoffelsalat, einer martialischen Abwandlung von Reise nach Jerusalem und selbstverständlich viel Bier.

In diesem Sinne: Schöne Pfingsten!!

merkwürdiger Dialog des Tages

ich möchte gerne den folgenden Dialog zweier Jugendlicher der Allgemeinheit zur Verfügung stellen:

Er: „Der ist doch voll der Nazi!“
Sie: „Nein, ist er nicht. Er hat eine französische Freundin.“
Er: „Das sind doch auch alles Nazis.“
Sie: „Die wohnen im Ausland, Alter!“
Er: „Und wenn er eine österreichische Freundin hätte?“
Sie: „Dann ist er immer noch kein Nazi.“
Er: „Aber das waren doch wir mal.“
Sie: „Auch Italiener sind keine Nazis.“
Er: „Aber da war doch Mussorgsky?!“ (an der Stelle war ich kurz überrascht)
Sie: „Mussolini. Pass ma in Geschi auf! Wenn er ne spanische Freundin hätte, dann wäre er Nazi.“
(…)

Ich halte fest: Wenn ein „Deutscher“ eine französische, österreichische, italienische oder schweizer Freundin hätte, dann KANN er gar kein Nazi sein. Die Rassismusgrenze ist demnach 1. Südfrankreich und 2. Hessen.

 

How I met my mother

How I met my mother – „So lange du deine Füße unter unseren Tisch stellst……kann die Mutti nicht putzen!“

 

Dass Kleinkinder eine besonders kostengünstige Alternative zu Staubsauger-Robotern und „Multifunktionsswiffern“ darstellten, wurde meiner Mutter relativ schnell bewusst, als ich kurz nach der Geburt im Wickelzimmer  eine auf dem Boden fein-säuberlich gelegte Line Babypuder wegschniefte.  Ich kann mich noch an meinen ersten Strampler erinnern, dessen Beine und Arme angenähte Schwämme und Putzlumpen zierten, mit denen ich stundenlang durch die Wohnung kriechen konnte und sämtlichen Schmutz in mich aufsaugte. Bereits nach relativ kurzer Zeit hatte sich in und an meinem Körper ein Fundus an verlorengegangenen Gegenständen angesammelt, was den alltäglichen Gang aufs Töpfchen immer zu einem Bet and win – Familien-Happening machte. Das ging ja schon so weit, dass sich mein Vater nicht mehr mit seinen Kumpels zum Pokern traf , sondern Wetten darauf abgeschlossen wurden, welcher Gegenstand wohl als nächstes das Licht der Welt betreten würde.

Jeden Morgen wurde ich sanft mit einer Fanfare aus dem Schlaf geblasen, in einen Eimer mit Seifenlauge getunkt und dann ab  ins Abenteuer geschickt. Da bekam der Spitzname „Propper“, den ich eigentlich weniger aus putz- als viel mehr gewichtstechnischen Gründen bekam, einen ganz bitteren Beigeschmack. Mein erstes Wort war nicht „Mama“ oder „Papa“, so wie man es von normalen Kindern erwartet hätte, sondern „Mopp!“. Vorsichtsmaßnahmen, wie Zäune oder Barrieren, gab es bei uns nicht, da meine Eltern der festen Überzeugung waren, dass man in einer globalisierten Welt seinen Kindern freien Zugang zu sämtlichen Wohnräumen ermöglichen musste, in denen das Mysterium Hara-Wischer scheiterte. Selbst das unter Kindern sehr beliebte Propeller-Spiel, bei dem der Erziehungsberechtigte sein fleischgewordenes Erbgut bis zur Besinnungslosigkeit durch die Luft schleuderte, diente weniger dem Vergnügen, als viel mehr der Beseitigung von überflüssigen Spinnweben.

Zu meinem aller ersten Geburtstag bekam ich von meiner Oma einen selbstgestrickten Strampler aus antistatischen Textilien geschenkt. Das hob mich zum Einen modisch von den anderen Kindern in der Krabbelgruppe ab und hatte darüber hinaus den Vorteil, dass man im Winter keinen zusätzlichen Kostenaufwand für Kleidung hatte, da die Staubflusen-Dichte ein durchaus wärmendes Polster für das Wolfskind darstellte. Hätte man mich damals, wie Mogli, in einem Körbchen im Dschungel ausgesetzt, dann würde ich heute Simba durch die Fauna schubsen.

Selbst im Schlaf nutzte man meinen unbändigen Bewegungsdrang aus. Vor dem Schlafengehen bekam ich von meiner Mutter einen Schrubber auf den Rücken geschnallt und den Körper mit Fairy Ultra eingerieben, mit der Folge, dass ich morgens in einem undurchdringbaren Schaumbad aufwachte und bei jedem „Bäuerchen“, wie ein „Glücksbärchi“, bunte Seifenblasen aus sämtlichen Körperöffnungen presste.

Mochte dies für alle Außenstehenden ein ungemein erheiternder Anblick gewesen sein, so fühlte ich mich doch stets unwohl in meiner Haut. Aber immerhin war ich sauber.

Mit voranschreitendem Alter merkten meine Eltern, dass meine doch sehr sorgfältige Arbeitsweise nicht nur für den Hausgebrauch unglaublich dienlich war, sondern auch aus finanzieller Sicht äußerst vorteilhaft schien. So dauerte es natürlich nicht lange, bis ich für einen kleinen Obolus, der weit unterhalb eines gesetzlich-vorgeschriebenen Mindestlohns lag, auch bei Freunden, Bekannten und Bekannten von Freunden zum Putzen herumgereicht wurde. Die allgemeinen Reaktionen von Menschen auf Kleintiere und Säuglinge, die mit einer veränderten Stimmlage und einem breiten Strahlen in den Augen einherging, waren  in meinem Fall nur auf ökonomische Interessen zurück zu führen. Mit steigender Gehirnaktivität schien mein Arbeitspensum stetig anzuwachsen, was ich zunächst als ziemlich doof, rückblickend betrachtet jedoch als betriebswirtschaftlich durchdacht ansah.

Meine Frondienste sprachen sich rasch im Dorf herum, bis eines Tages das Jugendamt vor unserer Tür stand um sich ein Bild von der tatsächlichen Situation zu verschaffen. Im Rahmen meiner Möglichkeiten hatte ich ein zitteriges „HELP“ mit der Zunge in den Schmutz geleckt, welches mir jedoch nur einen Knuff in die Wange, gefolgt von einem „ist deeer süüüüüüssss“ bescherte. Der Mitarbeiter hatte die Botschaft eindeutig nicht verstanden, so viel stand fest. Dies lag vermutlich zum einen daran, dass ich in der Aufregung sehr unordentlich geleckt haben musste, zum anderen und das war die wahrscheinlichste Begründung, dass ich der Sprache im Allgemeinen noch nicht mächtig war.

Umso tragischer war die Feststellung, dass selbst meine liebevoll ausgeklüngelte Morsetechnik, die durch die geschickte Freisetzung von überflüssigen Körpergasen erfolgte, zwar Gehör fand, aber schnell in die Bedeutungslosigkeit verflog. Und das, obwohl doch jeder normal denkende Mensch spätestens bei den Seifenblasen hätte stutzig werden müssen.

So war es doch nur verständlich, dass ich relativ schnell selbständig sein und auf eigenen Beinen stehen wollte und musste. Doch im krassen Gegensatz zu anderen Eltern, die den Moment der ersten Schritte für die Ewigkeit mit Polaroid und VHS aufnahmen und zelebrierten, stürzte es meine Mutter in die erste große depressive Lebensphase. Ich hatte es allen gezeigt, dachte ich. Fuck you, Cillit Bang! Doch der aufrechte Gang brachte mir nicht die gebührende Anerkennung, sondern lediglich Wut, Trauer und ein „So lange du deine Füße unter unseren Tisch stellst, kann der Dicke nicht putzen“.

Ich stellte fest, dass mich meine Beine nicht wie geplant bequemer durchs Leben führten, sondern dass der Putzvorgang als solcher einfach nur schneller ging.

Morgens besuchte ich die Kita, abends putzte ich um meine Familie zu ernähren.

Doch irgendwann stellte ich fest, dass Menschen im zunehmendem Alter abstumpften und wieder zu Kindern wurden. Nicht selten hatte dies zur Folge, dass Pflegebedürftige ins betreute Wohnen oder gleich ins Heim geschickt wurden. Das fand ich unfair, da einem alte Menschen schließlich noch so viel schenken konnten. Ich für meinen Teil beschloss meine Eltern später bei mir aufzunehmen, schließlich endet die Liebe nicht mit der Rente und der Haushalt schon gar nicht.

Nur ein Bier (Schlucke Version)

„Ach, komm schon. Nur ein Bier, ok?“

Markus schaut mir tief in die Augen und lügt. Ich weiß, dass er lügt und er weiß das auch. Und trotzdem denke ich, na, wenn er so lieb fragt, denke ich, klar, denke ich, Läuft, denke ich mit dem Wissen, dass es Quatsch ist, was ich gerade denke, denke ich. Ich meine „nur ein Bier“ in der Schlucke, das ist ja wie Popcorn im Kino kaufen und dann Film auf „.to“ schauen, wie „nur gucken, nicht anfassen, alles kann, nichts muss, drei Rote, ein Blackout und gekotzt wird zu Hause.“ Blödsinn!

Ich meine: aufstehen, duschen, anziehen, rausgehen, Geld abheben, Kippen kaufen, in den Aufzug, in die Kneipe, aus der Kneipe…torkeln. Und dann „nur ein Bier“?? Das ist ja wie One Night Stand ohne Nachspiel und Socken an, wie Bunga Bunga mit Berlusconi, ohne Minderjährige und „nur mal kurz gucken“. Quatsch!

Aber man könnte ja was verpassen, wobei es das, was man verpassen würde, wenn man nicht zustimmen sollte, in der Mediathek gibt. Oder Facebook. Und alle so: “Gefällt mir!”

„Einen Kurzen auf uns, ok?“, fragt Chris und reicht mir einen Blau-Gelben Schnaps der unsere Freundschaft symbolisieren soll. Blau-Gelb steht für Schalke und Dortmund, obwohl er Dortmund und ich Schalke ziemlich scheiße finden, wir das auch voneinander wissen und jedes Mal aufs Neue feststellen müssen, dass sich unsere Freundschaft in cl messen lässt. Und trotzdem denke ich, klar, denke ich, „olé olé“, denke ich, proste ihm zu und freue mich, dass der Plan mit dem „nur ein Bier“ so unglaublich gut geklappt hat.

Eine Gruppe Politikwissenschaftler am Nachbartisch begrüßt mich mit einem liebevollen, ordentlich mit Promille durchsetzten „Grööööööööhhhhl. Uuuund????“ Ich reagiere gekonnt spontan mit „Grööööööööööhhhhl. Läuft!“, bekomme nen Korn, kippe ihn weg, bestell mir nen Äppler, weil….wegen der Vitamine, denke ich. Merke allerdings auch, dass mir das Denken an sich nicht mehr ganz so leicht fällt. Ein einsamer Mann an der Theke trinkt unterdessen, wie er sagt, aus gewichtstechnischen Gründen alkoholfreies Weizen und freut sich darüber so unglaublich schlau und klug zu sein, merkt dabei jedoch nicht, dass er eigentlich ziemlich blöd und doof ist, da er zwar nicht besoffen wird, dafür aber fett. Und das auch noch mit allen Sinnen merkt, was ja nun wirklich nicht Sinn und Zweck eines Schlucke-Abends sein kann.

„Auf den Kommunismus!!!“ Die PoWis scheinen sich mittlerweile auf die aus ihrer Sicht effizienteste Wirtschaftsordnung geeinigt zu haben und erheben die Gläser.

„Der eene Marx, der andre och, wa?“ Der Typ an der Bar lacht laut auf.

„Was studierst´n du?“ fragt mich der schlacksige Typ mit dem „Bildet Banden“-Aufdruck am T-Shirt.

„Das Kapital – Semester 14“, sage ich und unterstreiche die Antwort mit einem beiläufigen „Fuck the System“.

 Alle grölen und halten ihre brennenden Sambuca-Gläser wie bengalische Feuer in die Höhe. Ich hätte auch einfach BWL sagen können, aber das wäre erstens nicht lustig und zweitens, hier in Marburg, nicht unbedingt so klug gewesen

 

In dem Moment schaltet sich wieder der einsame Typ von der Theke ins Gespräch ein.

„Ick war och ma Kommunist jewesen, weeßte.?! Damals, ´68. Die wilden Jahre war´n ditt. Immer jegen allet und jeden. Vor allem allet. Und jeden. Auf jeder Demo mit dabei jewesen. Gegen Atom und Strom und so. Immer jaaanz vorne mit dabei jewesen. Un allet ham wa besetzt, verstehste? Besetzt ham wa allet. Ick hab immer jesagt, ick bin Imker und verfolge nen Bienenschwarm, verstehste?. Die dürfen ditt ja, die Imker. Also einfach ma so auf fremde Grundstücke jehn. Schlau, wa? Kiekste ma ins Jesetz. Steht da allet drin. Kann dir och keener ditt Jegenteil beweisen, verstehste? Ick sach ma so: Och die Biene kackt aufn Castor, wa? Hehe. Ditt war noch Kampf damals sach ick dir! Dajegen ist “Sexismus” voll „Brüderle 2013″. Ick seh schon, wir verstehn uns, wa?“ Er lacht laut auf, verschluckt sich, zieht an seiner Reval, trinkt nen Roten auf uns und merkt dann, dass er ja eigentlich alkoholfrei bleiben wollte. Blöd gelaufen.

Auch wenn ich die generelle Durchsetzung kommunistischer Interessen mit Hilfe von doch eher monarchistisch geprägten Bienenvölkern zumindest anzweifle und schon allein der Begriff „Volk“ laut Steffi eine ja doch eher faschistisch gewählte Wortwahl darstellt, die immer mit einer Abgrenzung zu und von anderen einhergeht, schweige ich, bestelle mir nen Rum und freue mich, dass ich trotz der sehr weise gewählten „nur ein Bier“-Taktik stetig betrunkener werde.

Noch während ich in Gedanken jubel tritt Süske ganz im Stile Nosferatus aus dem bläulich-weißen Nikotindunst heraus, setzt sich neben uns und bestellt einen Sambuca ohne Bohnen, weil Koffein keinen Sinn machen würde, wenn man sich betrunken machen wollte.

 „Hilft aber gegen Kopfschmerzen“, werfe ich ein.

„Das tut Paracetamol  auch“, erwidert Süske, „trinke ich aber auch eher selten in Kombination mit Alkohol.“

„Apropos Selbstmord“, fügt Markus hinzu. „Wusstet ihr, dass die in Russland so ne Billigdroge entwickelt haben, die aus Hustentabletten, Zündköpfen von Streichhölzern und Benzin gewonnen wird?“

„Nein, aber klingt konsequent”, denke ich.

„Da roch ick lieber feinstes marokkanisches Dope“, meint der 68er von der Bar. „Ditt macht noch ordentlich breit, wa. Nicht so Kopfschmerzen, wie ditt jestreckte Zeug heutzutage. Eens, sach ick euch: Erst stirbt die Biene, dann der Mensch“. Markus verschluckt sich. Ich bestell mir ein Alt und freue mich, dass es so viele Alternativgetränke gibt, die einem auch ohne Bier einen ordentlichen Vollrausch besorgen.

Und alle so: „Nur ein Bier!“

 

Neues von Boris – Auf dem Hochbett, unterm Dach

Ich hätte mein Zimmer niemals aufgeben dürfen, denke ich. Ein Zimmer in einer Universitätsstadt aufgeben, wo Studenten übergangsweise im Sparkassenfoyer pennen um überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, das ist irgendwie so intelligent wie Voyeurismus im Darkroom. So sollte es mich nicht wundern, dass innerhalb kürzester Zeit nicht nur mein Zimmer weg war, sondern mit ihm auch sämtliche Mobilien, die sich in diesem befanden, auf den neuen Besitzer übergingen.

„Ich baue dir ein Hochbett!“, hatte mir Boris daraufhin angeboten. „Ich baue dir ein Hochbett. Das machen die in China schließlich auch immer so. Okay, weniger Hochbetten bauen, aber zumindest räumliche Höhe ausnutzen.“

Ich hätte mein Zimmer niemals aufgeben dürfen, denke ich erneut, drehe mich demonstrativ auf die Seite und lausche einem Hörbuch. Astrid Lindgren erzählt die Geschichte eines abenteuerlustigen, kleinen dicken Kindes mit Propeller am Rücken.

Ich hätte auch gerne einen Propeller am Rücken, denke ich. So ein Propeller am Rücken wäre toll. Ich habe nur Rücken.

„Ich mach mal Musik an!“, ruft mir Boris vom Sofa aus zu und schaltet die Anlage ein. Aus den Boxen dröhnt undefinierbares „Gegrunze“, das mich zeitweise an Gang Bang unter sexuell extrem erregten Bonobo-Affen erinnert.

Das ist doch keine Musik, denke ich. Das kann man doch nun wirklich nicht als Musik bezeichnen.

„Das ist Cannibal Corpse!“, erklärt Boris. „Das ist total entspannend!“, sagt er und zersägt einen Zombie in Resident Evil 2.

Entspannend ist grüner Tee auch, denke ich. Muss ich aber trotzdem nicht trinken.

Weltallerbester Karlsson zündet unterdessen eine Dampfmaschine an, die im weiteren Verlauf der Folge mit einem lauten Knall in die Luft fliegt. Müsste man den musikalischen Stil von Cannibal Corpse mit Hörbuchsequenzen simulieren, dann wäre der Vergleich mit einer explodierenden Dampfmaschine nicht all zu weit hergeholt.

„Dieser Thrash-Metal klingt doch immer gleich!“, fahre ich fort und ernte sogleich einen verachtenden Blick.

„Das ist Death-Metal!“ protestiert er, während ein überaus unentspannter Untoter an seinem Hals herum nagt.

„Die drehen doch auch nur das Kreuz um“, platzt es aus mir heraus. Boris verliert ein Leben und die Geduld.

„Das ist Death-Metal und kein Black-Metal!“, erklärt er weiter.

„Also die mit dem Kreuz richtig herum?“, frage ich, zugegebenermaßen etwas naiv.

„Das sind Christen, du Schmock!“

Der Umstand, dass christlicher Metal natürlich kein Death-Metal sein konnte, war insofern nachvollziehbar, dass Jesus ja angeblich noch lebte oder zumindest irgendwann auf die Erde zurückkommen würde.

„Ich kann auch Clueso anmachen“, unterbricht Boris meine Gedanken. „Cannibal Corpse oder Clueso. Find ich beide gut.“

Weltallerschlauster Karlsson steigt vom Fenstersims aufs Dach und fliegt davon.

Ich hätte auch gerne einen Propeller am Rücken, denke ich erneut und frage mich, wie der Typ mit dieser Statur überhaupt zu fliegen vermochte. Ich meine, eine Hummel kann ja auch nur deshalb fliegen, weil sie insgeheim gar nicht weiß, dass sie eigentlich nicht fliegen kann, weil sie zu fett ist. Wobei das wissenschaftlich gesehen ja auch ziemlicher Blödsinn ist.

„Ich gehe jetzt stricken, kommst du mit?“, fragt Boris. Ich frage mich, ob er bei Cannibal Corpse wohl auch auf diese Idee gekommen wäre. Er war ja der Meinung, dass stricken wie meditieren sei, nur halt ohne rum sitzen und nichts tun.

Astrid Lindgren schmatzt in die Kopfhörer und beschreibt wie der weltallerdickste Karlsson ein Stück Sahnetorte verschlingt. Mein Magen beginnt zu knurren.

Essen wäre jetzt prima, denke ich und mache mir ´nen Kaffee. Ein Reflex, den ich selbst nicht so gut erklären kann. Boris besitzt nur Instant-Kaffee, da sich unsere Senseo-Maschine beim Versuch vier Pads auf einmal zu benutzen auf sonderbare Art und Weise selbst zerstört hatte. Eine Kaffeeplantage wäre irgendwie toll, denke ich. Oder eine Partnerin, die auf einer Kaffeeplantage arbeitet. Wobei die ja unterbezahlt seien, meint Boris.

Ich denke an Ines die immerhin bei Tchibo arbeitete. Aber anstatt mich täglich mit Koffein zu versorgen, hatte sie mir immer nur Wecker und Schlafanzüge geschenkt. Irgendwas war da schief gelaufen.

Boris richtet seine Kettensäge auf eine Untote, die einmal ein sehr hübsches Mädchen gewesen sein musste. Clueso singt: „Ich will keinen Zentimeter mehr zwischen uns, ein Fleck ohne Kontur, ich will ein Anfang mit mehr Tiefe, mit mehr Hintergrund. Ein Ende ohne Zensur.“ Boris blickt ein letztes Mal in ihre erröteten Pupillen, sieht eine Träne durch ihre Wange rinnen und weiß plötzlich, dass er es nie über’s Herz bringen wird. Die Anlage wechselt zu Phillip Poisel, der fragt, wie ein Mensch das nur alles ertragen kann. „Das stört doch keinen großen Geist“, sagt Karlsson desinteressiert. Ich zucke mit den Schultern. Boris schleudert die Kettensäge in die lodernden Flammen hinter sich, läuft auf die Untote zu,  greift nach den Resten ihrer Hand und küsst sie.