Buffet? C’est la guerre!

„Yamas! Alle wieder gut?“ Als ich wieder zu mir komme, lächelt mich der sympathische Kellner mit dem Zwirbelbart besorgt-fröhlich an und reicht mir ein Glas Ouzo. Ich liege vor dem Buffet auf dem Boden. Umringt von Miesmuscheln. Genau genommen von Miesmuschel-Schalen, deren Inhalt in akribischer Kleinstarbeit bereits herausgepult wurde. Es fühlt sich nach Niederlage an. 
Was zuvor geschah:
„Diese Muscheln sind so extrem lecker. Aber manch einer hat echt kein Benehmen. Unfassbar. Diese Frau da hat sich eben zwei Teller vollgemacht und dann war die Pfanne leer. Eine Frechheit ist das!“, sagt meine Frau und deutet auf die Muschelfrau..
Kennen Sie das Gefühl, wenn man etwas unbedingt haben möchte, einfach nur, weil es jeder hat und alle ausschließlich darüber sprechen und man selbst nichts dazu sagen kann? So wie bei Pokémon Go. Völliger Quatsch dieses Spiel. Macht überhaupt keinen Sinn. Lieber möchte man alle Staffeln Denver Clan hintereinander weg schauen als eine halbe Stunde mit dem Smartphone auf virtuelle Jagd zu gehen. Aber man möchte unbedingt auf Level 5, weil man sich dann ein Team aussuchen kann. Und dann würde man Team Gelb wählen, weil es eben nicht jeder macht und das wiederum macht einen total sympathisch. 
Ich hasse Muscheln. Eigentlich hasse ich alles was aus dem Wasser kommt, gepult werden muss, Flossen besitzt oder seitlich läuft. Ekelhaft! Aber Buffet bedeutet Krieg und diese mir unbekannte Muschelfrau hat mich eindeutig herausgefordert…. Ich wollte ins Muschel-Team.
„Die Dominanz des Unterbewussten gegenüber dem Überbewussten ist wissenschaftlicherwiesen“, sagt derweil eine junge Frau in Goa-Hose, während sie mit einem Pendel über die Nudeln wandert und beobachtet in welche Richtung dieses wohl ausschlagen würde.
„Was soll das genau bringen?“, frage ich. Sie zuckt mit den Achseln.
„Die Buffet-Auswahl ist so dermaßen groß, dass ich mich einfach nicht entscheiden kann, was ich essen soll. Also gebe ich die Entscheidung quasi in fremde Pendel“, scherzt sie weiter. „Soll ich für Sie auch mal?“

Wer sein Schicksal in die Hände eines dünnen Fadens mit Ring am Ende legt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren, Frodo, denke ich. Auch und vor allem, weil sich das Pendel just in diesem Moment gegen die Nudeln und für die Meeresfrüchte zu entscheiden schien und diese Entscheidung mit kreisförmigen Bewegungen zementiert. Danke auch, Gabba-Lisa. Das Universum hat durch den energetischen Fluss der Nervenstränge gesprochen. Hasta la Pasta, me gusta Langusta. 
Ich weiß eigentlich gar nicht, ob sie Lisa heißt. Aber Gabba-Lisa passt, weil sie mit ihrem glatt gestrichenen Mittelscheitel und der buschigen Palmenfrisur am Hinterkopf aussieht wie eine Techno-Jüngerin auf einem 90er-Jahre Bravo-Cover. Westbam wäre stolz auf sie gewesen. Aber im Gegensatz zur Rave-Ikone der 90er, der stets mit den Trends gegangen ist, hat Gabba-Lisa diesen Absprung, allen Anschein nach, verpasst. 
„Sie mögen doch überhaupt keine Muscheln!“, sagt die Muschelfrau an der Theke, während ich mir genüsslich den Teller vollhaue.
Ihr Mann trägt ein äußerst schickes Werder Bremen Trikot. Gehalten im typischen grün. Ohne Wiesenhof-Sponsor. Mit Stehkragen. Es gefällt mir, obwohl ich mit Werder Bremen überhaupt nichts am Hut habe. Ich mag schöne Trikots. Das ist so ein Fetisch. 

„Woher wissen Sie das??“, empöre ich mich.

„Weil Sie so angewidert schauen!“, entgegnet sie mir. In der Tat ekel ich mich. Sehr sogar. 

Als Kind wurde ich einmal genötigt Muscheln zu essen. „Wenigstens eine probieren, dann kann man immer noch nein sagen“, waren die Worte meiner Mutter. Es war nicht schön. Muscheln sind der Knorpel des Meeres. Wenn der Schöpfer gewollt hätte, dass wir Muscheln als Nahrungsmittel akzeptieren, dann hätte er sie nicht in eine Hülle gepackt. Muscheln, Schnecken, Calzone. Geht gar nicht! 
„Ich liebe Muscheln!“, höre ich mich laut sagen. Das war ein Fehler.

„Beweisen Sie es!“, fordert die Norddeutsche. Ich pule mir unter Protest eine Muschel aus der Schale, lege sie vorsichtig in den Mund und grinse triumphal.

„Kauen und schlucken“, fordert die Norddeutsche energisch. Ich hatte insgeheim gehofft, dass das knorpelige Stück geruchsloses Etwas von alleine zerfließt. Ohne Erfolg. Gerade als ich in die bittere Muschel beißen will, taucht das Pendel von Gabba-Lisa vor meinem Gesicht auf und pendelt sich auf meine Schläfe ein. Ich falle instinktiv in die stabile Seitenlage und verliere Über – und Unterbewusstsein. 
„Yamas! Alle wieder gut?“
Als ich wieder zu mir komme, liege ich vor dem Buffet auf dem Boden. Umringt von Miesmuscheln. Genau genommen von Miesmuschel-Schalen, deren Inhalt in akribischer Kleinstarbeit bereits heraus gepult wurde. Gabba-Lisa entschuldigt sich, weil sie die Kontrolle über ihr Pendel verloren hat. Die Muschelfrau grinst triumphal und schiebt sich ein Stück Knorpel in den Mund. 
„Doch lieber Bandnudeln?“, fragt meine Frau und lächelt.

Ich nicke und folge dem Wunsch des Universums

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Aufstand der Kohlehydrate

 

Neulich habe ich beim Backen eines Auflaufes endlich die Funktionsweise unseres politischen Systems in seiner Gänze verstanden. Ein realer Erfahrungsbericht:

Wenn man die Oberschicht nur lange genug heiß macht, dann wird sie braun. Sie ist im Übrigen keinesfalls die Elite des Landes, sondern einfach nur Käse. Brauner, übelriechender Käse mit der Tendenz zum schwarz werden. Der Anblick meines kulinarischen Meisterwerkes glich optisch einem nicht vollsubventionierten Braunkohlebergwerk in Castrop Rauxel, dessen Mitarbeiter, oder Kumpel, in der Mittagspause wichtige Kernthemen mit Vattenfall besprechen, um sich von den mittlerweile doch sehr verkrusteten Werten und Weltanschauungen gänzlich zu verabschieden. Na dann, Mahlzeit!
Die klumpigen Kohlebrocken der Parmesan-Bonzen stützten sich mit voller Wucht auf die untersten Schichten des Systems. Die unterste Unterschicht bleibt regungslos am Gehäuse des politischen Systems kleben. Bereit zum Abkratzen. Dem Gesamtkonzept fehlte es eindeutig an Öl. Öl, welches an anderer Stelle fröhlich vor sich hin blubbert. So ganz offensichtlich und daher langweilig. Denn „nur eine sprudelnde Ölquelle ist eine gute Ölquelle!“, sprach der Shell Konzern und „nur eine erkämpfte Ölquelle ist eine gute Ölquelle!“, sprach der Amerikaner und spielt weiter mit der Welt Counterstrike.

Zurück zur Mittelschicht. Von allen Schichten war die Mittelschicht am wenigsten gelungen. Dämliche Mittelschicht! Die Bandnudeln wollten aufschreien. Eine Hilferuf nach „Revolution!“ der die Auflaufform erschüttern lässt. Ein Schrei der durch Tomatenmark und Bein ging, denn es waren keine Bandnudeln, sondern Makkaroni gefangen im falschen Körper. Empört euch. Wieder einmal am falschen Ende gespart, höre ich sie rufen. „Der doofe Koch ist schuld!“

Die Oberschicht wirft derweil ihre klebrigen Käsefäden aus, die langsam durch alle Schichten fließen, um zu binden was nicht zu binden ist. Aus Bindungsangst? Oder vielleicht, weil die individuelle Freiheit wichtiger ist, als eine lebenslange Abhängigkeit von braunem Käse?
„Zum Wohle des Bürgers!“, höre ich sie floskeln. Worte eines demokratisch-legitimierten Abgeordneten, der bei Johann Lafer sitzt und Buchstaben-Suppe kocht. Worte. Nichts als leere Hülsen im luftleeren Raum. Wahllos durcheinander gewürfelt. Vom Sinn befreit. Dem Inhalt entsagend. Kurze, aber prägnante Sprüche mit wenig Inhalt und großer Wirkung. Im Obama Stil. „YES WE CAN!“, dachte ich, aber ich konnte nicht. Die Küchenschlacht ging verloren, in der Vorrunde ausgeschieden gegen die Basler Boccia Boys aus ….Basel. Blöd.

„Ich trete zurück!“, sprach der Demonstrant zum Polizisten.
„Ich trete zurück!“, sprach einst Horst Köhler, weil man ihm das Schäufelchen geklaut hatte und er nun schmollen musste.
„Ich trete zurück!“, sprach der Koch, der vor Frank Rosin zugeben musste, versagt zu haben.

Worte, die sich in Rauch auflösen. Schichten, die zerfielen wie eine Kartenpyramide im Wind. Ohne Bestand. Stabil wie die griechische Wirtschaft im Jahre 2014. Kleine Inseln der Unordnung in diesem unserem geordneten Staate, sagte schon Dürrenmatt. Dem es an Würze fehlte. Und Béchamel. Keine Konstanz. Hackfleischmischung halb und halb. „Was bist du?“, fragte der Koch. „Rind oder Schwein?“ „Ich glaube beides!“, antwortete das Hackfleisch. Halbherzigkeiten und entscheidungs-unfreudig wie politische Reden zu Wahlzeiten. Denn nach der Wahl ist vor der Wahl und nach dem Mahl ist vor dem Mahl.
Es herrschen chaotische Zustände in unserem Land. In Zeiten, in denen Fleisch nicht mehr hält was es verspricht, sondern gelangweilt vor sich hin gammelt. Von traurigen Tieren, die in Käfigen gehalten und gemästet werden. Übrig blieben Millionen und Abermillionen Kulturen die nun friedlich ein Fest feierten. Kulturbonzen und Kulturschmarotzer, die sich freudestrahlend in den Armen lagen und mit ihren hartz-beschmutzten Händen eine Friedenspfeife rauchten. Am Horizont die Fahnen im Wind: Schimmeln gegen Rassismus!

Und jetzt frage ich euch. Wer war denn zuerst da? Das Essen oder der Koch?

Gefühlsmäßig krank

„Kommen Sie auch öfters hierher? Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Der Herbert und ich sind ja immer hier. Routinemäßig. Der Herbert und ich, wir sind ja eigentlich noch ganz fit, aber man kann ja nie wissen. Das geht ja alles so schnell heutzutage. Erst hat man Schnupfen, dann Halsweh und schon im nächsten Moment freuen sich die Erben. Hihi.“

In erster Linie war ich müde. Sehr müde. Sprechzeiten sind ein klein wenig wie der Verkaufsstart eines neues Apple-Produktes. Nur dass es kein neues iPhone gibt, sondern Grippeimpfung. Schon eine halbe Stunde vor Einlass drängeln sich die Rentner um die besten Plätze, um dann pünktlich zur Öffnung der Praxistore, ohne Rücksicht auf Verluste, in die erste Reihe zu strömen. Wohl bedacht habe ich in der Nacht zuvor vor der Praxis campiert, allerdings hatte ich nicht mit den mobilen Gehhilfen der Rentner-Gang gerechnet und war schlussendlich sehr frustriert, da ich am Einlass kein Festivalbändchen bekommen habe.

„Was ham se denn, junger Mann?“, fragt die ältere Frau.
„Schnupfen und Halsweh“, sage ich.

„Da werden sich die Erben aber sicherlich freuen“, scherzt sie weiter. Sehr lustig, denke ich. So kurz vorm Abhang noch ‘nen Kalauer raushauen. Mutig, mutig. Aber sie hatte Humor.

„Ham se sich schon gegen Grippe impfen lassen?“, fragt ihr Mann. Im Hintergrund erzählt Horst Seehofer auf n-tv warum kontrollierte Grenzen im Schengenraum die Basis einer funktionierenden, europäischen Politik seien. Ich frage mich, ob er sich auch hat gegen Grippe impfen lassen.
 „Das ist ja auch so eine geschickte Marketingstrategie der Pharmaindustrie“, erwidere ich. „Den Menschen wird suggeriert, dass man jederzeit an einem Vireninfekt sterben könne, wenn man sich nicht rechtzeitig impfen ließ. So ähnlich machen das auch Frei.Wild und die Bundesregierung mit der eigenen Fanbase. Während die Bundesregieung dem uniformierten Bürger glaubhaft eintrichtert, dass offene Grenzen die innere Sicherheit und deutschen Werte, was auch immer das genau sein mag, gefährden würden, presst die Südtiroler Deutschrock-Kapelle auf jedes Album die gleichen beschissenen Lieder über Heimat, Tradition und Mimimi , die jeder schon kennt und alle schon haben und niemand braucht. Aber es wird dem eigentlich doch so mündigen und selbstbestimmten Bürger auf den Frontallappen tätowiert, dass man ohne den neuen Remix auf dem neuen Album nicht leben könne. Die Menschheit ist so dumm.“

Herbert schweigt. Der Mann der still neben der Kinderecke sitzt und seinen Sohn beobachtet, zieht seine Jacke zusammen, so dass man das Frei.Wild-Logo nicht mehr erkennen konnte.

„Wir lassen uns ja regelmäßig gegen alles impfen, der Herbert und ich. Weiß man ja nicht was da alles so nach Deutschland gebracht wird. Im Garten von der Ilse wächst sogar schon japanisches Springkraut. Das muss man sich mal vorstellen. Und unsere Nachbarn sind Portugiesen“
„Die sollen ja so richtig krass sein, diese Portugiesen“, werfe ich ein. Die Frau schweigt.
Der Sohn des Heimatverbundenen baut unterdessen seelenruhig einen Turm aus Legosteinen.
„Ihr Junge wird bestimmt mal Architekt“, ruft Herberts bessere Hälfte. Alle lachen.

„Wir sind ja nicht abgehauen. Damals. Obwohl wir nichts hatten. Gar nichts hatten wir! Wir mussten alles mit den eigenen Händen wieder aufbauen!“, meckert Herbert. In dem Moment tritt der Junge beherzt auf den Turm und bringt diesen zum Einsturz. Überall im Raum liegen die Trümmer herum.
„Das musst du jetzt alles mit deinen eigenen Händen wieder aufbauen!“, rufe ich in seine Richtung. Der Junge beginnt zu weinen. Die Rentnerinnen unterbrechen, wie aus Reflex, ihre Gespräche und beginnen die Steine aufzusammeln und den Turm mit ihren eigenen Händen wieder aufzubauen. Geschichte muss man greifbar machen, denke ich. Der Mann im Frei.Wild-Shirt ist sichtlich überfordert.

„Was hat denn der kleine?“, frage ich.
„Husten“, sagt der Vater.

„Ham se ihn schon gegen Grippe impfen lassen?“, fragt die Frau. Der Mann schweigt. 

  „Nichts hatten wir früher. Alles mussten wir uns hart erarbeiten“, meckert Herbert weiter.

Im Raum herrscht zustimmendes Schweigen. Wartezimmer sind das morbide soziale Netzwerk, der Mikrokosmos im Makrokosmos. Der Spiegel der absurden Realität. Hier gehen Meinungen aber noch so richtig viral, denke ich. Auf n-tv erklärt immer noch Seehofer, dass unsere innere Sicherheit durch die Zuwanderung gefährdet sei und fordert sichere Grenzen. Grenzkontrollen sind die Grippeimpfung der politisch Überforderten, denke ich. Ich habe mich noch nie so sicher gefühlt.

„Ja wir hatten doch früher auch nichts. Noch nicht mal Smartphones!“, werfe ich ein. Das war nicht mal gelogen. Wir hatten genau einen Telefonanschluss, einen C64 und ein Modem. Das war Internet. Und wenn Internet war, dann war besetzt. Seeeehr lange besetzt! Das Aufrufen einer Seite dauerte eine gefühlte Ewigkeit und wurde untermalt vom schrillen Einwahlton des 56kbit Modems. Wir durften genau eine halbe Stunde am Tag Computer spielen. Prince of Persia in einer beeindruckend unbeeindruckenden Grafik! In unserem Dorf gab es mehr Kühe als Einwohner, eine Kirche, eine Bäckerei, eine Schule und einen Kaugummiautomaten, welcher in den seltensten Fällen auch wirklich Kaugummis ausspuckte und wenn er es tat, dann waren diese so hart, dass man sich mit einem beherzten Biss den halben Oberkiefer brach. Meistens war der Automat allerdings defekt. Also zerstört. Sagen wir, mit mehreren China-Böllern kontrolliert gesprengt. Ich schweife ab.
„Wir hatten ja früher ooch nüschte, wa. Nur Grippeimpfung und Grenzkontrollen. Nach der Wende bin ick dann gleich rüber innen Westen. Da hatten wer dann widda ooch nüschte. Nur Grippeimpfung und Grenzkontrollen. Dit is wiztig, wa? “

„Im Grunde genommen habe ich ja auch nichts. Ich komm hier eigentlich nur her, weil ich sonst nichts zu tun habe. Ich habe ein Krieg und zwei Ehen überlebt. Was soll ich mich jetzt noch gegen Grippe impfen lassen?“, gibt ein einsamer alter Mann zu. Er schleppt sich schwerfällig auf, greift nach seiner mobilen Gehhilfe und fährt fröhlich pfeifend weg. Dann werde ich aufgerufen.
„Was führt dich denn zu so unchristlicher Stunde zu mir“, fragt mein Arzt.

„Schnupfen und Halsweh“, sage ich.

„Haste dich schon gegen Grippe impfen lassen?“ 

Das System funktioniert, denke ich und verlasse kommentarlos die Praxis.

Mia san Samir

Mia san Samir

Früher haben meine Eltern immer das Spiel mit mir gespielt, bei dem ich mir die Hände auf die Augen legte und mich kurzzeitig unsichtbar machte. Unsichtbar für meine Eltern. Für die Umwelt. Ich habe mir mit Bettlaken eine Höhle gebaut und bin abgetaucht. Abgetaucht in eine Welt, die nur ich betreten konnte. Eine Welt, die mich ganz kurz vor allen äußeren Einflüssen beschützte. Wenn ich heute die Augen schließe, dann werden alle Gedanken postwendend kanalisiert und brennen sich wie ein hässliches Arsch-Tribal an den Frontallappen meines Hirns. Man denkt an all die unerledigten Aufgaben, die Steuer, den nächsten Tag und daran, dass man den Berg Geschirr, der seit einigen Tagen schon fröhlich im Waschbecken hin und her wankte, durchaus mal abspülen könnte. Kurzum: Einfach mal gar nicht denken ist heutzutage echt schwer und Dresden ist viel zu weit weg.

Ich habe früher noch die olympischen Spiele auf meinem Commodore 64 gespielt und als das Internet Einzug ins Haus hielt, dauerte das Aufrufen einer x-beliebigen Seite eine gefühlte Ewigkeit. Also noch genug Zeit, um nochmal eben zum Nachbarn zu gehen, die Bude fertig zu bauen und den Wald zu erobern. Mit Schwertern aus Holz geschnitzt, Juckpulver, gewonnen aus dem Kern der Heckenrosenfrucht und dem Spurenheft von Oppa. Denn Oppa brauchte nie ein Navi. So lange das Moos an den Bäumen hing, war der Osten klar definiert. Man wusste lange nicht alles. Man musste auch nicht alles wissen, weil man alles in einem der diversen Brockhaus-Bände nachlesen konnte, die fein säuberlich und alphabetisch geordnet im Wohnzimmerregal standen.

Wenn man heute eine Seite anruft, dann öffnet sich diese meistens in Sekundenschnelle und mindestens genauso schnell offenbart sich der geistige Abfall, den die Umwelt, der Nachbar, einfache die Gesellschaft so vor sich hin produzierte. Früher gab es auch schon diese notorischen Nörgler, die Kritiker und Verschwörungstheoretiker. Aber man musste sich ihre Verbalgeschwüre nicht im Live Ticker anhören.

Sie kamen eben nur am Samstag zum Vorschein, beim Rasenmähen Phrasenmähen über die Gartenzäune des Provinzkaffs hinaus. Oder in der Kneipe. Das Aneinanderstoßen von Biergläsern, die stillschweigende Einverständniserklärung des Stammtischproletariates, der “Gefällt mir”-Button des Freizeittrinkers. Oder wie der Jurist es sagen würde: Ein Zug-um-Zug-Geschäft. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!?

Ich möchte gerne einfach mal wieder die Hände auf die Augen legen und verschwinden. Einfach nur mal kurz abschalten, ausmachen, entliken und den Klatschspaltenmob ignorieren. Wenn man heute eine Seite aufruft, dann erfährt man, wie eine Seite dazu aufruft eine Stimme zu erheben. Eine Stimme gegen Isis und jenes. Eine Stimme gegen “die da oben”, die viel zu weit weg sind. Gegen “die da oben”, die sich doch gar nicht mehr für den kleinen Bürger interessieren. Gegen “die da oben” wird aber gar keine Stimme erhoben. Sondern schlicht gegen “die da”. Und „da oben“ legt sich die Hände auf die Augen und macht sich unsichtbar.

„Wir sind das Volk!” skandierte einst die Masse, um die Mauer zum Einsturz zu bringen die Freunde, Verwandte, und Menschen vom Frieden und der Freiheit trennte. Und die Mauer fiel.

Heute skandieren sie wieder, die besorgten Bürger von damals. Aber nicht um Mauern zu durchschlagen, sondern um die Mauern um Europa und in den Köpfen der Menschen zu festigen.

Und „die da“, das waren einmal Samir und seine Eltern. Als Ende der 90er die ersten Flüchtlinge ihr Domizil im Dorf bezogen, verhängte man Ausgangssperren und schloss die Haustüren zweimal ab. Aus Angst vor dem Unbekannten. Aus Angst vor der Angst. Auch aus Angst vor Samir, der heute längst kein Unbekannter mehr ist. Er ist einer von ihnen geworden. Für die meisten schon immer da. Nicht mehr fremd, also keine Bedrohung.

Das Haus von Samirs Eltern stand, im Gegensatz zu allen anderen, jederzeit und für jeden offen. Das hatte den Vorteil, dass sich jeder Skeptiker ein Bild davon machen konnte, dass Samirs Eltern allen Gerüchten zum Trotze nicht nach dem Beten mit dem fliegenden Teppich aus dem geöffneten Fenster zur Arbeit flogen und sein Vater auch nicht per Handauflegen heilte. Ganz im Gegensatz zu Frau Huber aus dem Märchenwald. Die heilte mit kosmischen Strahlen, behandelte Chakren und pendelte eine Bronchitis elegant mit dem Bio-Tensor aus. Zu der strömten sie alle wie zur weihnachtlichen Christmette. Denn Reiki ist nicht ausländisch, sondern Esoterik!

Als Samir dann auch noch Mitglied im Schützenverein wurde, war aber endgültig Alarm in Kaffhausen, denn wenn der Taliban zur Waffe greift, ist Schluss mit lustig im Hinterwald. Obwohl doch eigentlich jeder wusste, dass Terroristen eher selten mit Stöcken Holzvögel warfen.

Aber wie schon Edgar Wasser sagte: „Das Problem mit der Integration, ist das Problem mit der Integration. Beim Döner hats funktioniert, beim Döner hörts auf.“

Ich würde gerne einfach mal wieder meine Hände auf die Augen legen und verschwinden. Einfach mal abschalten, den Router ausmachen und die Zeitung weglegen. Abtauchen in eine Welt, die nur ich betreten kann. Aber so lange sich „…gida“ gegen „die da“ erhebt und „da oben“ die Augen verschließt, schaut außer uns niemand mehr hin.

Du kommst hier nicht rein

Du kommst hier nicht rein: Oder: Erst wenn MTV wieder Musik spielt

„Nein, wie vornehm du aussiehst. Wie ein richtiger Mann. Und so erwachsen. Das steht dir wirklich ganz ausgezeichnet. Aber ganz ausgezeichnet. Gut, ja, ist vielleicht noch ein kleines bisschen groß, aber da wächst du schon noch rein, nicht wahr!? Hihi. Das kannst du bestimmt auch gut nach der Konfirmation noch anziehen. Zu Tante Juttas Geburtstag. Die hat ja auch bald. Die freut sich doch immer. Das weißt du doch Junge. Also wirklich, ganz ausgezeichnet!“

Mutter spuckte sich auf die Hände und strich mir den Scheitel zurecht. Ich starrte ungläubig auf mein hässliches Alter Ego im Spiegel. Mein Vater schwieg. Die Verkäuferin, die, rein optisch betrachtet, aussah als würde sie ihren wohlverdienten Ruhestand schon seit einigen Jahren erfolgreich vor sich her schieben, kniete vor mir auf dem Boden, stocherte mit zittrigen Händen am Hosensaum herum und punktierte dabei in regelmäßigen Abständen meine Fußreflexzonen.

Das Geschäft war ein altehrwürdiges Kaufhaus im Nachbardorf, dessen Angestellte schon meine Ur-Großmutter, Großmutter, Mutter und nun auch noch mich einkleiden durften. Ein generationenübergreifendes Textil-Versorgungszentrum quasi, welches die Modetrends des Jahres immer um Haaresbreite verfehlte. Das Duftpanorama, ein Gemisch aus Mottenkugeln und letzter Ölung. “Gesalbet sei dein Haupt, kleiner dicker Junge!”

Ich war allein. Allein mit meinen Eltern und dem Handlanger des Bösen zu meinen Füßen. Mit einem leisen Seufzer schaute ich an mir herunter, dann erneut in den Spiegel und ließ resignierend die Schultern hängen.

Die Neonröhre in der Ankleidekabine flackerte unaufhaltsam, so als wollte mir Gott schon mal gleich eines mit auf den Weg des Lebens geben:

“Hohoho. SO NICHT, MEIN SOHN!!”

Und wer konnte es ihm verübeln? In der blauen Cordhose und der grünen Satin-Ballonjacke sah ich aus wie ein drogensüchtiger Backgroundtänzer im Milli Vanilli-Video. Und auch die Tatsache, dass ich vermutlich in diesem “Ice, Ice, Baby”-Look selbst für die Hölle zu hässlich war, beruhigte mich kaum.

“Und jetzt noch die Fliege. Die Fliege fehlt noch. Frau Hörnig, wir brauchen eine passende Fliege!”, rief mein Vater aus dem Off. Belzebubs emsiges Helferlein unterbrach sofort sein Voodoo-Ritual und wuchtete sich schleppend auf. Im Eifer des Gefechts fiel dabei eine Nadel zu Boden und landete punktgenau im grünen Teppich. In etwa zur gleichen Zeit rieb sich ein Kind in einer indonesischen Klöppelfabrik mit schmerzverzerrtem Gesicht das Bein und die Firma KiK wurde gegründet. Schreckliche Zufälle.

Frau Hörnig verschwand in einem der vielen Gänge und das Flackern in der Ankleide hörte schlagartig auf. Vermutlich war sie so etwas wie der zu Fleisch gewordene Störsender des Dunklen Lords. Oder Nordkoreas. Man wusste es nicht so genau. Es hätte mich jedenfalls nicht im geringsten gewundert, wenn Kim Jong Hörnig, sowie die gesamte Belegschaft des Modehaus Schreiber nach Dienstschluss, in schwarze Roben gekleidet, frisch gebackene Konfirmanden opferten, oder sich gegenseitig mit Blutwurst einrieben. Oder gar noch schlimmer: Nivea!

Und immer noch hallte Gottes frohe Botschaft in meinen Ohren nach:

“Hohohoho: OPFER”

A propos: OPFER

Im Kassenbereich stand ein kleiner Nachbau der Arche Noah in Form eines Kinderkarussels, sowie eine Rutsche, die ins untere Stockwerk führte. Bei den Eltern sehr beliebt, von den Kindern mit der nötigen Skepsis betrachtet. Kannte doch jeder die Geschichten von jemanden der jemanden kannte, dessen Onkel wiederum einen Sohn hatte, der sein Kind in genau dieser Rutsche zum letzten Mal gesehen hatte.

Vermutlich war es schlichtweg der gut getarnte Eingang zum Vorzimmer desjenigen, dessen Name nicht genannt werden durfte, oder es war einfach nur die Rutsche ins untere Stockwerk. Man weiß es nicht.

Zurück zum: OPFER

Mein Bruder saß passenderweise auf einem Plastik-Löwen, der schon einiges in seine Leben hatte tragen müssen, dementsprechend benutzt aussah und eigentlich auch gut und gerne als Langhaarcollie durchgehen konnte. Einzig sein voluminöser Körperbau, sowie der Umstand, dass Lassie, in der Bibel zumindest, nach meinem Kenntnisstand keine Erwähnung gefunden hatte, sprachen dagegen.

Mein Bruder drehte selig-lächelnd seine Kreise. Unwissend, dass er nur drei Jahre später, in genau DIESEM Outfit, ebenfalls in der Kirche auflaufen würde.

Das elektromagnetische Feld in Person von Frau Hörnig war zurück. Die Neonröhre flackerte wieder.

„Da sieht man mal wie der Schöpfer formt!“ Sie lächelte und reichte mir ein vergilbtes Schwarz-Weiß Foto eines alten Mannes, der offenbar mein Ur-Großvater war. Ich wusste nicht, ob mich die angeblich so verblüffende Ähnlichkeit hätte begeistern oder frustrieren sollen. Schließlich war meiner Meinung nach die Fliege aber auch wirklich das Einzige, was uns rein optisch betrachtet in diesem Moment verbunden hatte. Und der Umstand, dass wir beide ziemlich dämlich ausgesehen hatten.

Mein Vater holte seine Polaroid-Kamera zum Vorschein und hielt den Moment für die Nachwelt voller Stolz fest. Mutter rieb mir noch eine großzügige Ladung Sekret in die Haare, dann durfte ich mich wieder umziehen. Man konnte nicht behaupten, dass ich ansonsten wie ein Modezar durchs Leben wandelte. Machen wir uns da mal nichts vor. Es waren die 90er. „Scheiße Aussehen“ war quasi „en vogue“. Aber man musste sein Glück ja nun nicht herausfordern.

Offener Brief an die Stadt Rosenheim (vom 08.12.14)

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Rosenheimer Prominenz.

bevor ich Sie mit meinem Anliegen konfrontiere, möchte ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Martin. Ich komme aus Rosenheim und ich bin ein Gutmensch. So, oder so ähnlich werden wir jedenfalls seit Monaten von der besorgten Bürgerschaft in den Klatschspalten der Netzwelt bezeichnet. Wir, damit meine ich die vielen Helferinnen und Helfer, die Ehrenamtlichen, aber auch die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Rosenheim, die sich mit sehr viel Herzblut für die Menschen einsetzen, die aufgrund von Krieg, Armut und politischer Verfolgung ihre Heimat verlassen mussten und nun vor dem Nichts stehen. Ich persönlich lebe seit über einem Jahr in dieser schönen Stadt und betreue seit einigen Monaten als ehrenamtlicher Helfer mit weiteren wunderbaren Menschen den Nordtreff. Dieser Treff ist Anlaufstelle für Menschen aus Afghanistan und Pakistan.

Wir sprechen dort über Probleme, die im Alltag auftreten können. Beispielsweise Behördengänge, Besuche bei Ärzten etc. Wir lernen dort aber auch zusammen, miteinander und vor allem voneinander. Jede Woche werden Themen behandelt, welche von Interesse für unsere Neumitbürgerinnen und -mitbürger sind. Wir sprechen über die deutsche Geschichte, über besondere Bräuche, Sitten und wie man sich in bestimmten Situationen bei uns verhält. Dies ist zwingend notwendig, da sich unsere Kulturen doch sehr stark voneinander unterscheiden. Ich sehe dies aber nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung.

Als persönliche Bereicherung und als Bereicherung für unsere Gesellschaft.

„Es kommen doch zumeist junge Männer zu uns. Und dann steigt die Kriminalität. Die bringen uns Krankheiten, vergewaltigen unsere Frauen und liegen dem Staat auf der Tasche. Wir sind doch nicht das Sozialamt der Welt!“

Dies sind Aussagen von Menschen, die man im Zuge der Flüchtlingsdebatte jeden Tag in Zeitungen und sozialen Netzwerken liest, sowie auf der Straße hört. Jeden Tag gehen tausende Menschen auf die Straße, um gegen „die Islamisierung des Abendlandes“ zu demonstrieren. Oftmals unter dem Mantel der Friedensbewegung, Pegida, Bagida, Hogesa…etc.

Menschen marschieren mit Fackeln durch die Straßen und posaunen ihre menschenfeindlichen, rassistischen Parolen in die Vororte der Republik.

Wir stellen darüber hinaus eine Zunahme der fremdenfeindlichen Straftaten fest. Es werden wieder Flüchtlingsunterkünfte attackiert und Menschen mit anderer Hautfarbe bedroht. Dies geht nicht nur von verfassungsfeindlichen, rechten Parteien aus, sondern kommt aus der Mitte der Bevölkerung. Der moderne Nazi trägt nicht mehr Bomberjacke und Glatze, sondern lehrt an Universitäten, steht im Lidl an der Kasse, arbeitet als Polizist, Gärtner, oder Arzt. Die rechte Gefahr schleicht sich seit vielen Monaten ganz langsam quer durch unsere Gesellschaft und erhebt die Stimme.

Es geht den Organisatoren dabei gar nicht um den Kampf gegen den bösen Salafisten, sondern um den Moslem. Die gegenwärtige Angst vor dem Terror, nur die Eingangspforte für rassistische Ideologien und faschistisches Gedankengut.

In Rosenheim hat sich ein Gegenpol entwickelt, ein aktiver Helferkreis, der sich den Ängsten und Sorgen der Menschen annimmt, die Zielscheibe all des Hasses und der Wut der besorgten Bürgerschaft ist. Der Flüchtling. Das Fremde. Eine Bedrohung?

Ich habe bewusst ein Fragezeichen gesetzt. Wir arbeiten seit vielen Monaten, manche seit Jahren, mit schutzsuchenden Menschen. Menschen, die traumatisiert und verzweifelt sind. Menschen, die ihre Heimat, ihre Familie verloren haben.

Mütter, die wochenlang mit ihren kleinen Kindern fliehen mussten. Junge Menschen, die über Italien, Ungarn, Griechenland gekommen sind und nun endlich ihren Traum von einem Leben in Frieden wahr machen wollen. Menschen, die misshandelt wurden, in Gefängnissen hungerten. Kinder, die den Krieg hautnah erlebt haben. Menschen. Menschen. Es sind keine Flüchtlinge, sondern Menschen mit Geschichten. Mit Herz. Mit Träumen und Hoffnungen.

Ich habe in Rosenheim am Bahnhof einen jungen Mann aus dem Senegal getroffen. Er kam, wie viele andere auch, mit dem Zug aus Italien und wurde in Rosenheim hinausgezerrt. Im „grenznahen Raum“. Er sollte wieder zurück nach Italien. Dieser Junge sagte mir: „Why do they treat us like animals? I am a human beeing. I have blood in my veins“. Er ist ein Opfer von Dublin 2. Einem wahnwitzigen Abkommen, welches keinem Schutzsuchenden ermöglicht, legal nach Deutschland zu kommen. Sie wissen, dass dieses Abkommen besagt, dass die Schutzsuchenden dort einen Asylantrag stellen müssen, wo sie erkennungsdienstlich erfasst wurden. D.h. wo Fingerabdrücke abgegeben wurden. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass dies in den seltensten Fällen Deutschland sein kann. Es sei denn man hat ein gut funktionierendes Katapult oder springt mit dem Fallschirm ab. Aber viele andere Länder sind überfordert. Italien, Griechenland. Länder mit wirtschaftlichen Problemen. Länder, die dieses Problem nicht alleine bewerkstelligen können. Wir hingegen können helfen. Wir müssen nur wollen.

Es kommen keine Sozialschmarotzer und Verbrecher zu uns. Die Schutzsuchenden in Rosenheim sind Akademiker, Ingenieure, Installateure, Lehrer. Menschen, die unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht bereichern könnten. Aber sie dürfen nicht. Sie wollen lernen. Sie wollen arbeiten, aber sie dürfen nicht. Die Menschen kommen oftmals in Massenunterkünften unter und müssen dort wochen- manchmal monatelang warten, bis sie ihren Asylantrag stellen dürfen. Erst dann dürfen sie die Notunterkunft verlassen. Sie haben kein Recht auf Deutschkurse, auf Integration. Dabei wäre es doch genau das, was wir bräuchten. Wir brauchen Menschen die helfen, aber auch Behörden, die den bürokratischen Weg umgehen und handeln.

Wir haben in Rosenheim etwas Tolles geleistet und tun dies noch immer. Als bekannt wurde, dass die Luitpoldhalle als Notunterkunft herhalten muss, haben sich innerhalb kürzester Zeit über hundert Menschen gemeldet. Menschen, die helfen wollten. Menschen, die spenden wollten. Heute ist jeder der Flüchtlinge aus der Halle persönlich betreut. Es hat nie Ausschreitungen gegeben, es gab nie Probleme. Trotz vieler Kulturen auf einem „Haufen“. Warum ist das so? Weil die Menschen nicht alleine gelassen worden sind, sondern man sich um sie gekümmert hat. Vereine haben ihren Beitrag geleistet. Geschäfte gespendet. Privatpersonen haben gespendet. Die Menschen in der Halle, sowie die Helferinnen und Helfer sind eng aneinander gewachsen und eine Familie geworden. Es wurden Freundschaften geknüpft. Private Unternehmungen durchgeführt. Zusammen gekocht, gelacht, geweint.

Leider soll die Luitpoldhalle bis Weihnachten geräumt werden und diese Menschen, Menschen, die uns ans Herz gewachsen sind, Menschen, die unser Vertrauen genießen, müssen wieder gehen. Und das, obwohl Rosenheim im kommenden Jahr wieder Schutzsuchende aufnehmen muss und die Unterkünfte momentan hergerichtet werden. Wir Helfer haben private Wohnungen gefunden, uns mit Vermietern unterhalten, die alle bereit wären, die Neumitbürger für den Übergang zu beherbergen. Wir haben so viel Zuspruch aus der Bevölkerung und Unterstützung bekommen. Und es liegt nicht nur an der Bürokratie, dass unser Bemühen ungehört bleibt, sondern ebenso am Willen. Oder besser gesagt: Am Nichtwollen.

Seit einigen Tagen werden bereits die ersten abgeholt und bundesweit verteilt. Es wurden drei Brüder nach Karlsruhe geschickt. Zwei davon minderjährig. Diese jungen Menschen kommen dort an, werden nicht abgeholt, niemand kümmert sich und tags drauf werden sie weiter geschickt. Nun leben sie in einer Notbehausung. Ohne Betreuung, ohne Hilfe, ohne Zuspruch. Minderjährige Menschen, die sich mühsam die Flucht erarbeiten mussten. Deren Weltbild zerbrochen ist und die endlich Menschen gefunden haben, die sie lieben. Wir haben Schutzsuchende, die nach Chemnitz kommen und uns von untragbaren Zuständen berichten. Chemnitz, Schneeberg, Hochburgen der Rechtsradikalen, die dort jeden Tag mit Fackeln durch die Stadt marschieren. Es ist unmenschlich, junge Mütter, Kinder, traumatisierte junge Männer von einer Notunterkunft in die Nächste zu schicken. Es ist unmenschlich und unnötig. Wir haben hier den Platz und die Hilfsbereitschaft. Wir bürgen für diese wunderbaren Menschen, die uns in den letzten Wochen so bereichert haben. Wir standen am Bahnhof und haben unsere Freunde fahren sehen. Wir haben die Verzweiflung gesehen und die Tränen. Wir haben die Dankbarkeit erlebt, die uns die Menschen entgegen gebracht haben.

Wir würden uns sehr wünschen, wenn sich jemand unseren Sorgen annehmen könnte und uns unterstützen würde. So wie Flüchtlingspolitik in Rosenheim betrieben wird, so geht man mit Menschen um. Aber diese unsägliche, menschenunwürdige Verschiebepolitik ist wirklich Irrsinn. Wir haben ein sehr enges und vertrauensvolles Verhältnis zu den Neumitbürgerinnen und Neumitbürgern in der Luitpoldhalle. Wir kennen die Ängste und Sorgen dieser Menschen. Jeder von ihnen ist persönlich durch einen Paten betreut. Es wurden Deutschkurse angeboten, Freizeitaktivitäten, Gespräche geführt. Wir möchten, dass unsere Schutzsuchenden nicht wieder weiter geschickt werden. Eine weitere Notunterkunft entwurzelt diese Menschen. Vor allem ist es Schwangeren und Minderjährigen nicht zumutbar. Und der Wohnraum wäre in Rosenheim vorhanden. Wir haben alle hier gekämpft und sehr viel Energie in diese Arbeit gesteckt. Es wäre wirklich traurig und auch völlig sinnlos, wenn wir diesen Menschen weitere Strapazen zumuten würden.

# Und es wäre begrenzt, da ab Februar offizieller Wohnraum in Rosenheim vorhanden wäre und die Stadt kommendes Jahr neue Flüchtlinge aufnehmen muss. Wieso dürfen dann nicht diejenigen bleiben, die hier ihr neues Zuhause gefunden haben?

Wir alle würden uns sehr freuen, wenn wir von Seiten der Politik, der Vereine und der Bürgerinnen und Bürger Hilfe und Unterstützung bekommen würden. Denn die Zeit rennt. Am Montag soll die Halle komplett geräumt werden und dann müssen uns die liebgewonnen Menschen verlassen. Uns blutet das Herz und Sie spüren vielleicht auch in meinen Worten die Verzweiflung.

Wir hoffen, dass unser Ruf erhört wird und ich wünsche Ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit.

Trommelwirbel – DREI!

DREI!

„Martin Maximilian Werner Sieper!! Wenn du jetzt nicht AUGENBLICKLICH da runter kommst, dann geht es heute Abend ohne Fruchtzwerg ins Bett! Ich meine es ernst!

EINS.“

Man konnte jetzt nicht unbedingt behaupten, dass es am Wollen scheiterte. Ich war damals durchaus willens den Anweisungen meiner Mutter Folge zu leisten. Ein ganzer Abend ohne Fruchtzwerg? Schier unvorstellbar! Aber die Diskrepanz zwischen Wollen und Können war schlichtweg zu groß. Und zu hoch. Ganze 2,50 Meter um ungenau zu sein.

Wie ich es überhaupt bis in die Baumkrone schaffte, konnte mir rückblickend betrachtet auch niemand mehr so ganz genau sagen. Vermutlich wäre es eh sinnvoller gewesen, wenn man mir den Fruchtzwerg verboten hätte, bevor ich überhaupt erst in diese brenzlige Situation geraten konnte. Die Sache war ja eigentlich sehr klar und in der Fauna unmissverständlich geregelt: Auch wenn das Eichhörnchen noch so niedlich sein mochte – der Eber bleibt auf dem Boden! Das ist von Mutter Natur so vorgesehen und sollte auch nicht anders ablaufen. Wo kämen wir denn hin, wenn heute überall die Wildschweine in den Baumgipfeln sitzen würden? Der Eber, in diesem Fall ich, hatte seine gewöhnliche Jagdumgebung verlassen und den natürlichen Kreislauf einmal so richtig durcheinander gebracht. Das Eichhörnchen in Gestalt meines Bruders saß drei stabilere Äste weiter oben, aß genüsslich ein Cornetto Nuss und wähnte sich in Sicherheit.

 

ZWEI

Und es war ja nun wirklich nicht so, als hätte ich die Gesamtsituation nicht im Vorfeld besser abschätzen können. Ich mein, schon im Sportunterricht habe ich es mit Müh und Not auf eine 4 – gebracht, indem ich es schaffte meinen voluminösen Prachtkörper ohne Blessuren auf den untersten Knoten des Taus zu wuchten. Eine konditionelle Meisterleistung und ein Anblick, welcher der Schülerzeitungg bis heute die höchsten Absatzzahlen bescheren konnte: „Heute Exklusiv: Der Dicke am Tau – Stammen wir wirklich vom Affen ab?“

Klettern war an und für sich eine elementare Grundvoraussetzung im Leben eines jeden Dorfkindes, schließlich konnte man sich ja nie sicher sein, ob nicht irgendein orientierungsloser Wisent-Bulle, oder eine beschützende Wildsau mit ausgeprägtem Mutterinstinkt vor der nächste Weggabelung stand. Denn die kommen ja bekanntermaßen auf dem Land- und nicht auf dem Luftweg. Wenn sie nicht gerade den natürlichen Kreislauf aus dem Gleichgewicht brachten.

Mein Bruder war schon immer mehr der sportliche Typ gewesen. Ich konnte nur Klavier, Glockenspiel und Flöte. Hatte ich aber dummerweise alles nicht dabei und ich möchte auch behaupten, dass die musikalische Früherziehung mir in diesem Fall auch nicht unbedingt weiter geholfen hätte. Sowas klappt immer nur um Dschungel bei Tarzan oder Jumanjii. Hier war aber nur rheinisches Schiefergebirge und Mutter! Wenn man am Dorf dabei erwischt wurde, wie man flötespielend auf einem Baum saß, dann würde man entweder mehr trinken, oder denken: Ey Hippie, lass die Drogen, zieh nach Dresden!

Das Leben im Mikrokosmos Kuhkaff war unantastbar

 

„KOMMSTDUJETZTODERMUSSICHDICHHOLEN?!“ Die Miene meiner Mutter verzog sich zunehmend. Jedenfalls soweit ich es erahnen konnte.

Ich gebe zu, jetzt war meine Neugierde geweckt, aber ich entschied mich, gerade auch im Hinblick auf das zukünftige Zusammenleben mit meiner erziehungsberechtigten Mitbewohnerin gegen eine direkte Konfrontationstherapie auf dem Baum.  Auch wenn es schwer fiel, da schon allein die vielen lustigen Bilder im Kopf wahrhaftige Glückshormone freisetzten. Aber im Gegensatz zu anderen Kindern, die die  Grenzen bis ins letzte Detail ausreizten, konnte ich meinen frühpubertären Tatendrang zurückhalten.

Unter mir hatte sich mittlerweile eine Menschentraube angesammelt, die wild durcheinander redete und fassungslos, jedoch mit einer Brise Bewunderung zu mir hinaufschaute. So viel Aufruhr hat es nicht mehr gegeben, seitdem es Robert gewagt hatte mit der Bravo zur Jungschar zu kommen. Allen voran Herr Huber.

Herr Huber war tief in seinem Herzen ein liebenswerter Mann. Er war mit gefühlten 103 Jahren der Dorfälteste, fester Bestandteil der Kaff-Gemeinschaft mit geradliniger Vita: Grundwehrdienst, Feldjäger, Zerspannungsmechaniker bei Thyssen Krupp, Schützenkönig ´63, Schützenkönig ´64, Schützenkönig ´65, dann pleite, Zweitjob, Rente versoffen, Feuerwehr, Dorfsherrif. In seinem Keller hortete er ein ganzes Waffenarsenal aus mehreren Weltkriegen und diverse Reichspropaganda-Symbolik, mit der er auf einen Schlag die deutsche Rüstungsindustrie vernichten konnte.  Seine selbst auferlegte Aufgabe bestand darin, als Ein-Mann-Bürgerwehr die heimischen Grenzen vor unliebsamen Eindringlingen zu schützen, indem er jeden kontrollierte, der sich nach 20 Uhr noch draußen aufhielt und irgendwie verdächtig aussah. Das war insofern problematisch, da am Dorf, nach 20 Uhr, irgendwie jeder verdächtig aussah. Und es auch eigentlich keine unliebsamen Eindringlinge gab.

Gut. Es gab die Sprayer, die in regelmäßigen Abständen die Fassade des Kindergartens beschmierten und zum Abschluss ihre eigenen Initialen unter das „Kunstwerk“ taggten. Was auf dem Dorf eine ziemlich bescheuerte Idee war. Dann gab es noch die Mofa-Gang. Und es gab mich.

DREI!

Als ich aufwachte, fand ich mich einige wenig stabilere Äste weiter unten wieder. Man konnte mit Fug und Recht behaupten, dass ich den Kampf gegen Schwerkraft und Natur verloren hatte. Man würde auch nicht allzu viel verraten, wenn man behaupten würde, dass der Baum auf dem ich gesessen hatte, in dieser Geschichte keine wirklich tragende Rolle mehr spielen sollte.

Herrn Huber wurde relativ schnell klar, dass der Erste-Hilfe-Kurs in seiner ach so geradlinigen Vita fehlte. Aber immerhin atmete ich noch. Meine Mutter schüttelte nur verständnislos den Kopf. Mein Bruder grinste.

Irgendwo saß ein Eber irritiert auf einem Baum und grunzte. Glaubte ich zumindest.

 

Aufstand der Kohlehydrate

Neulich habe ich beim Backen eines Auflaufes endlich die Funktionsweise unseres politischen Systems in seiner Gänze verstanden. Ein realer Erfahrungsbericht:

Wenn man die Oberschicht nur lange genug heiß macht, dann wird sie braun. Sie ist im Übrigen keinesfalls die Elite des Landes, sondern einfach nur Käse. Brauner, übelriechender Käse mit der Tendenz zum schwarz werden. Der Anblick meines kulinarischen Meisterwerkes glich optisch einem nicht vollsubventionierten Braunkohlebergwerk in Castrop Rauxel, dessen Mitarbeiter, oder Kumpel, in der Mittagspause wichtige Kernthemen mit Vattenfall besprechen, um sich von den mittlerweile doch sehr verkrusteten Werten und Weltanschauungen gänzlich zu verabschieden. Na dann, Mahlzeit!
Die klumpigen Kohlebrocken der Parmesan-Bonzen stützten sich mit voller Wucht auf die untersten Schichten des Systems. Die unterste Unterschicht bleibt regungslos am Gehäuse des politischen Systems kleben. Bereit zum Abkratzen. Dem Gesamtkonzept fehlte es eindeutig an Öl. Öl, welches an anderer Stelle fröhlich vor sich hin blubbert. So ganz offensichtlich und daher langweilig. Denn „nur eine sprudelnde Ölquelle ist eine gute Ölquelle!“, sprach der BP Konzern und „nur eine erkämpfte Ölquelle ist eine gute Ölquelle!“, sprach der Amerikaner und spielt weiter mit der Welt Counterstrike. „Öl das man sich so ganz ohne Waffen-und Truppengewalt holen kann? Im Supermarkt? Äh. Nö!“

Zurück zur Mittelschicht. Von allen Schichten war die Mittelschicht am wenigsten gelungen. Dämliche Mittelschicht! Die Bandnudeln wollten aufschreien. Eine Hilferuf nach „Revolution!“ der die Auflaufform erschüttern lässt. Ein Schrei der durch Tomatenmark und Bein ging, denn es waren keine Bandnudeln, sondern Makkaroni gefangen im falschen Körper. Empört euch. Wieder einmal am falschen Ende gespart, höre ich sie rufen. „Der doofe Koch ist schuld!“ Stimmt, denn viele Köche verderben den Brei, sagt man. Aber nur einer ein ganzes Bundesland, sag ich.

Die Oberschicht wirft derweil ihre klebrigen Käsefäden aus, die langsam durch alle Schichten fließen, um zu binden was nicht zu binden ist. Aus Bindungsangst? Oder vielleicht weil die individuelle Freiheit wichtiger ist, als eine lebenslange Abhängigkeit von braunem Käse?
„Zum Wohle des Bürgers!“ höre ich sie floskeln. Worte eines demokratisch-legitimierten Abgeordneten, der bei Johann Lafer sitzt und Buchstäbchen Suppe kocht. Worte. Nichts als leere Hülsen im luftleeren Raum. Wahllos durcheinander gewürfelt. Vom Sinn befreit. Dem Inhalt entsagend. Kurze, aber prägnante Sprüche mit wenig Inhalt und großer Wirkung. Im Obama Stil. „YES WE CAN!“ dachte ich, aber ich konnte nicht. Die Küchenschlacht ging verloren, in der Vorrunde ausgeschieden gegen die Basler Boccia Boys aus ….Basel. Blöd.

„Ich trete zurück!“, sprach der Demonstrant zum Polizisten.
„Ich trete zurück!“, sprach Horst Köhler, weil man ihm das Schäufelchen geklaut hatte und er nun schmollen musste.
„Ich trete zurück!“ sprach der Koch, der vor Frank Rosin zugeben musste, versagt zu haben.

Worte die sich in Rauch auflösen. Schichten die zerfielen, wie eine Kartenpyramide im Wind. Ohne Bestand. Stabil, wie die griechische Wirtschaft 2010. Kleine Inseln der Unordnung in diesem unserem geordneten Staate, sagte schon Dürrenmatt. Dem es an Würze fehlte. Und Béchamel. Keine Konstanz. Hackfleischmischung halb und halb. „Was bist du?“, fragte der Koch. „Rind, oder Schwein?“ „Ich glaube beides!“, antwortete das Hackfleisch. Halbherzigkeiten und entscheidungs-unfreudig, wie politische Reden zu Wahlzeiten. Denn nach der Wahl ist vor der Wahl und nach dem Mahl ist vor dem Mahl.
Es herrschen chaotische Zustände in unserem Land. In Zeiten, in denen Fleisch nicht mehr hält was es verspricht, sondern gelangweilt vor sich hin gammelt. Von traurigen Tieren die in Käfigen gehalten und gemästet werden. Übrig blieben Millionen und Abermillionen Kulturen die nun friedlich ein Fest feierten. Kulturbonzen und Kulturschmarotzer, die sich freudestrahlend in den Armen lagen und mit ihren hartz-beschmutzten Händen eine Friedenspfeife rauchten. Am Horizont die Fahnen im Wind: Schimmeln gegen Rassismus!

Und jetzt frage ich euch. Wer war denn zuerst da? Das Essen, oder der Koch?