Buffet? C’est la guerre!

„Yamas! Alle wieder gut?“ Als ich wieder zu mir komme, lächelt mich der sympathische Kellner mit dem Zwirbelbart besorgt-fröhlich an und reicht mir ein Glas Ouzo. Ich liege vor dem Buffet auf dem Boden. Umringt von Miesmuscheln. Genau genommen von Miesmuschel-Schalen, deren Inhalt in akribischer Kleinstarbeit bereits herausgepult wurde. Es fühlt sich nach Niederlage an. 
Was zuvor geschah:
„Diese Muscheln sind so extrem lecker. Aber manch einer hat echt kein Benehmen. Unfassbar. Diese Frau da hat sich eben zwei Teller vollgemacht und dann war die Pfanne leer. Eine Frechheit ist das!“, sagt meine Frau und deutet auf die Muschelfrau..
Kennen Sie das Gefühl, wenn man etwas unbedingt haben möchte, einfach nur, weil es jeder hat und alle ausschließlich darüber sprechen und man selbst nichts dazu sagen kann? So wie bei Pokémon Go. Völliger Quatsch dieses Spiel. Macht überhaupt keinen Sinn. Lieber möchte man alle Staffeln Denver Clan hintereinander weg schauen als eine halbe Stunde mit dem Smartphone auf virtuelle Jagd zu gehen. Aber man möchte unbedingt auf Level 5, weil man sich dann ein Team aussuchen kann. Und dann würde man Team Gelb wählen, weil es eben nicht jeder macht und das wiederum macht einen total sympathisch. 
Ich hasse Muscheln. Eigentlich hasse ich alles was aus dem Wasser kommt, gepult werden muss, Flossen besitzt oder seitlich läuft. Ekelhaft! Aber Buffet bedeutet Krieg und diese mir unbekannte Muschelfrau hat mich eindeutig herausgefordert…. Ich wollte ins Muschel-Team.
„Die Dominanz des Unterbewussten gegenüber dem Überbewussten ist wissenschaftlicherwiesen“, sagt derweil eine junge Frau in Goa-Hose, während sie mit einem Pendel über die Nudeln wandert und beobachtet in welche Richtung dieses wohl ausschlagen würde.
„Was soll das genau bringen?“, frage ich. Sie zuckt mit den Achseln.
„Die Buffet-Auswahl ist so dermaßen groß, dass ich mich einfach nicht entscheiden kann, was ich essen soll. Also gebe ich die Entscheidung quasi in fremde Pendel“, scherzt sie weiter. „Soll ich für Sie auch mal?“

Wer sein Schicksal in die Hände eines dünnen Fadens mit Ring am Ende legt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren, Frodo, denke ich. Auch und vor allem, weil sich das Pendel just in diesem Moment gegen die Nudeln und für die Meeresfrüchte zu entscheiden schien und diese Entscheidung mit kreisförmigen Bewegungen zementiert. Danke auch, Gabba-Lisa. Das Universum hat durch den energetischen Fluss der Nervenstränge gesprochen. Hasta la Pasta, me gusta Langusta. 
Ich weiß eigentlich gar nicht, ob sie Lisa heißt. Aber Gabba-Lisa passt, weil sie mit ihrem glatt gestrichenen Mittelscheitel und der buschigen Palmenfrisur am Hinterkopf aussieht wie eine Techno-Jüngerin auf einem 90er-Jahre Bravo-Cover. Westbam wäre stolz auf sie gewesen. Aber im Gegensatz zur Rave-Ikone der 90er, der stets mit den Trends gegangen ist, hat Gabba-Lisa diesen Absprung, allen Anschein nach, verpasst. 
„Sie mögen doch überhaupt keine Muscheln!“, sagt die Muschelfrau an der Theke, während ich mir genüsslich den Teller vollhaue.
Ihr Mann trägt ein äußerst schickes Werder Bremen Trikot. Gehalten im typischen grün. Ohne Wiesenhof-Sponsor. Mit Stehkragen. Es gefällt mir, obwohl ich mit Werder Bremen überhaupt nichts am Hut habe. Ich mag schöne Trikots. Das ist so ein Fetisch. 

„Woher wissen Sie das??“, empöre ich mich.

„Weil Sie so angewidert schauen!“, entgegnet sie mir. In der Tat ekel ich mich. Sehr sogar. 

Als Kind wurde ich einmal genötigt Muscheln zu essen. „Wenigstens eine probieren, dann kann man immer noch nein sagen“, waren die Worte meiner Mutter. Es war nicht schön. Muscheln sind der Knorpel des Meeres. Wenn der Schöpfer gewollt hätte, dass wir Muscheln als Nahrungsmittel akzeptieren, dann hätte er sie nicht in eine Hülle gepackt. Muscheln, Schnecken, Calzone. Geht gar nicht! 
„Ich liebe Muscheln!“, höre ich mich laut sagen. Das war ein Fehler.

„Beweisen Sie es!“, fordert die Norddeutsche. Ich pule mir unter Protest eine Muschel aus der Schale, lege sie vorsichtig in den Mund und grinse triumphal.

„Kauen und schlucken“, fordert die Norddeutsche energisch. Ich hatte insgeheim gehofft, dass das knorpelige Stück geruchsloses Etwas von alleine zerfließt. Ohne Erfolg. Gerade als ich in die bittere Muschel beißen will, taucht das Pendel von Gabba-Lisa vor meinem Gesicht auf und pendelt sich auf meine Schläfe ein. Ich falle instinktiv in die stabile Seitenlage und verliere Über – und Unterbewusstsein. 
„Yamas! Alle wieder gut?“
Als ich wieder zu mir komme, liege ich vor dem Buffet auf dem Boden. Umringt von Miesmuscheln. Genau genommen von Miesmuschel-Schalen, deren Inhalt in akribischer Kleinstarbeit bereits heraus gepult wurde. Gabba-Lisa entschuldigt sich, weil sie die Kontrolle über ihr Pendel verloren hat. Die Muschelfrau grinst triumphal und schiebt sich ein Stück Knorpel in den Mund. 
„Doch lieber Bandnudeln?“, fragt meine Frau und lächelt.

Ich nicke und folge dem Wunsch des Universums

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