Gefühlsmäßig krank

„Kommen Sie auch öfters hierher? Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Der Herbert und ich sind ja immer hier. Routinemäßig. Der Herbert und ich, wir sind ja eigentlich noch ganz fit, aber man kann ja nie wissen. Das geht ja alles so schnell heutzutage. Erst hat man Schnupfen, dann Halsweh und schon im nächsten Moment freuen sich die Erben. Hihi.“

In erster Linie war ich müde. Sehr müde. Sprechzeiten sind ein klein wenig wie der Verkaufsstart eines neues Apple-Produktes. Nur dass es kein neues iPhone gibt, sondern Grippeimpfung. Schon eine halbe Stunde vor Einlass drängeln sich die Rentner um die besten Plätze, um dann pünktlich zur Öffnung der Praxistore, ohne Rücksicht auf Verluste, in die erste Reihe zu strömen. Wohl bedacht habe ich in der Nacht zuvor vor der Praxis campiert, allerdings hatte ich nicht mit den mobilen Gehhilfen der Rentner-Gang gerechnet und war schlussendlich sehr frustriert, da ich am Einlass kein Festivalbändchen bekommen habe.

„Was ham se denn, junger Mann?“, fragt die ältere Frau.
„Schnupfen und Halsweh“, sage ich.

„Da werden sich die Erben aber sicherlich freuen“, scherzt sie weiter. Sehr lustig, denke ich. So kurz vorm Abhang noch ‘nen Kalauer raushauen. Mutig, mutig. Aber sie hatte Humor.

„Ham se sich schon gegen Grippe impfen lassen?“, fragt ihr Mann. Im Hintergrund erzählt Horst Seehofer auf n-tv warum kontrollierte Grenzen im Schengenraum die Basis einer funktionierenden, europäischen Politik seien. Ich frage mich, ob er sich auch hat gegen Grippe impfen lassen.
 „Das ist ja auch so eine geschickte Marketingstrategie der Pharmaindustrie“, erwidere ich. „Den Menschen wird suggeriert, dass man jederzeit an einem Vireninfekt sterben könne, wenn man sich nicht rechtzeitig impfen ließ. So ähnlich machen das auch Frei.Wild und die Bundesregierung mit der eigenen Fanbase. Während die Bundesregieung dem uniformierten Bürger glaubhaft eintrichtert, dass offene Grenzen die innere Sicherheit und deutschen Werte, was auch immer das genau sein mag, gefährden würden, presst die Südtiroler Deutschrock-Kapelle auf jedes Album die gleichen beschissenen Lieder über Heimat, Tradition und Mimimi , die jeder schon kennt und alle schon haben und niemand braucht. Aber es wird dem eigentlich doch so mündigen und selbstbestimmten Bürger auf den Frontallappen tätowiert, dass man ohne den neuen Remix auf dem neuen Album nicht leben könne. Die Menschheit ist so dumm.“

Herbert schweigt. Der Mann der still neben der Kinderecke sitzt und seinen Sohn beobachtet, zieht seine Jacke zusammen, so dass man das Frei.Wild-Logo nicht mehr erkennen konnte.

„Wir lassen uns ja regelmäßig gegen alles impfen, der Herbert und ich. Weiß man ja nicht was da alles so nach Deutschland gebracht wird. Im Garten von der Ilse wächst sogar schon japanisches Springkraut. Das muss man sich mal vorstellen. Und unsere Nachbarn sind Portugiesen“
„Die sollen ja so richtig krass sein, diese Portugiesen“, werfe ich ein. Die Frau schweigt.
Der Sohn des Heimatverbundenen baut unterdessen seelenruhig einen Turm aus Legosteinen.
„Ihr Junge wird bestimmt mal Architekt“, ruft Herberts bessere Hälfte. Alle lachen.

„Wir sind ja nicht abgehauen. Damals. Obwohl wir nichts hatten. Gar nichts hatten wir! Wir mussten alles mit den eigenen Händen wieder aufbauen!“, meckert Herbert. In dem Moment tritt der Junge beherzt auf den Turm und bringt diesen zum Einsturz. Überall im Raum liegen die Trümmer herum.
„Das musst du jetzt alles mit deinen eigenen Händen wieder aufbauen!“, rufe ich in seine Richtung. Der Junge beginnt zu weinen. Die Rentnerinnen unterbrechen, wie aus Reflex, ihre Gespräche und beginnen die Steine aufzusammeln und den Turm mit ihren eigenen Händen wieder aufzubauen. Geschichte muss man greifbar machen, denke ich. Der Mann im Frei.Wild-Shirt ist sichtlich überfordert.

„Was hat denn der kleine?“, frage ich.
„Husten“, sagt der Vater.

„Ham se ihn schon gegen Grippe impfen lassen?“, fragt die Frau. Der Mann schweigt. 

  „Nichts hatten wir früher. Alles mussten wir uns hart erarbeiten“, meckert Herbert weiter.

Im Raum herrscht zustimmendes Schweigen. Wartezimmer sind das morbide soziale Netzwerk, der Mikrokosmos im Makrokosmos. Der Spiegel der absurden Realität. Hier gehen Meinungen aber noch so richtig viral, denke ich. Auf n-tv erklärt immer noch Seehofer, dass unsere innere Sicherheit durch die Zuwanderung gefährdet sei und fordert sichere Grenzen. Grenzkontrollen sind die Grippeimpfung der politisch Überforderten, denke ich. Ich habe mich noch nie so sicher gefühlt.

„Ja wir hatten doch früher auch nichts. Noch nicht mal Smartphones!“, werfe ich ein. Das war nicht mal gelogen. Wir hatten genau einen Telefonanschluss, einen C64 und ein Modem. Das war Internet. Und wenn Internet war, dann war besetzt. Seeeehr lange besetzt! Das Aufrufen einer Seite dauerte eine gefühlte Ewigkeit und wurde untermalt vom schrillen Einwahlton des 56kbit Modems. Wir durften genau eine halbe Stunde am Tag Computer spielen. Prince of Persia in einer beeindruckend unbeeindruckenden Grafik! In unserem Dorf gab es mehr Kühe als Einwohner, eine Kirche, eine Bäckerei, eine Schule und einen Kaugummiautomaten, welcher in den seltensten Fällen auch wirklich Kaugummis ausspuckte und wenn er es tat, dann waren diese so hart, dass man sich mit einem beherzten Biss den halben Oberkiefer brach. Meistens war der Automat allerdings defekt. Also zerstört. Sagen wir, mit mehreren China-Böllern kontrolliert gesprengt. Ich schweife ab.
„Wir hatten ja früher ooch nüschte, wa. Nur Grippeimpfung und Grenzkontrollen. Nach der Wende bin ick dann gleich rüber innen Westen. Da hatten wer dann widda ooch nüschte. Nur Grippeimpfung und Grenzkontrollen. Dit is wiztig, wa? “

„Im Grunde genommen habe ich ja auch nichts. Ich komm hier eigentlich nur her, weil ich sonst nichts zu tun habe. Ich habe ein Krieg und zwei Ehen überlebt. Was soll ich mich jetzt noch gegen Grippe impfen lassen?“, gibt ein einsamer alter Mann zu. Er schleppt sich schwerfällig auf, greift nach seiner mobilen Gehhilfe und fährt fröhlich pfeifend weg. Dann werde ich aufgerufen.
„Was führt dich denn zu so unchristlicher Stunde zu mir“, fragt mein Arzt.

„Schnupfen und Halsweh“, sage ich.

„Haste dich schon gegen Grippe impfen lassen?“ 

Das System funktioniert, denke ich und verlasse kommentarlos die Praxis.

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