Mia san Samir

Mia san Samir

Früher haben meine Eltern immer das Spiel mit mir gespielt, bei dem ich mir die Hände auf die Augen legte und mich kurzzeitig unsichtbar machte. Unsichtbar für meine Eltern. Für die Umwelt. Ich habe mir mit Bettlaken eine Höhle gebaut und bin abgetaucht. Abgetaucht in eine Welt, die nur ich betreten konnte. Eine Welt, die mich ganz kurz vor allen äußeren Einflüssen beschützte. Wenn ich heute die Augen schließe, dann werden alle Gedanken postwendend kanalisiert und brennen sich wie ein hässliches Arsch-Tribal an den Frontallappen meines Hirns. Man denkt an all die unerledigten Aufgaben, die Steuer, den nächsten Tag und daran, dass man den Berg Geschirr, der seit einigen Tagen schon fröhlich im Waschbecken hin und her wankte, durchaus mal abspülen könnte. Kurzum: Einfach mal gar nicht denken ist heutzutage echt schwer und Dresden ist viel zu weit weg.

Ich habe früher noch die olympischen Spiele auf meinem Commodore 64 gespielt und als das Internet Einzug ins Haus hielt, dauerte das Aufrufen einer x-beliebigen Seite eine gefühlte Ewigkeit. Also noch genug Zeit, um nochmal eben zum Nachbarn zu gehen, die Bude fertig zu bauen und den Wald zu erobern. Mit Schwertern aus Holz geschnitzt, Juckpulver, gewonnen aus dem Kern der Heckenrosenfrucht und dem Spurenheft von Oppa. Denn Oppa brauchte nie ein Navi. So lange das Moos an den Bäumen hing, war der Osten klar definiert. Man wusste lange nicht alles. Man musste auch nicht alles wissen, weil man alles in einem der diversen Brockhaus-Bände nachlesen konnte, die fein säuberlich und alphabetisch geordnet im Wohnzimmerregal standen.

Wenn man heute eine Seite anruft, dann öffnet sich diese meistens in Sekundenschnelle und mindestens genauso schnell offenbart sich der geistige Abfall, den die Umwelt, der Nachbar, einfache die Gesellschaft so vor sich hin produzierte. Früher gab es auch schon diese notorischen Nörgler, die Kritiker und Verschwörungstheoretiker. Aber man musste sich ihre Verbalgeschwüre nicht im Live Ticker anhören.

Sie kamen eben nur am Samstag zum Vorschein, beim Rasenmähen Phrasenmähen über die Gartenzäune des Provinzkaffs hinaus. Oder in der Kneipe. Das Aneinanderstoßen von Biergläsern, die stillschweigende Einverständniserklärung des Stammtischproletariates, der “Gefällt mir”-Button des Freizeittrinkers. Oder wie der Jurist es sagen würde: Ein Zug-um-Zug-Geschäft. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!?

Ich möchte gerne einfach mal wieder die Hände auf die Augen legen und verschwinden. Einfach nur mal kurz abschalten, ausmachen, entliken und den Klatschspaltenmob ignorieren. Wenn man heute eine Seite aufruft, dann erfährt man, wie eine Seite dazu aufruft eine Stimme zu erheben. Eine Stimme gegen Isis und jenes. Eine Stimme gegen “die da oben”, die viel zu weit weg sind. Gegen “die da oben”, die sich doch gar nicht mehr für den kleinen Bürger interessieren. Gegen “die da oben” wird aber gar keine Stimme erhoben. Sondern schlicht gegen “die da”. Und „da oben“ legt sich die Hände auf die Augen und macht sich unsichtbar.

„Wir sind das Volk!” skandierte einst die Masse, um die Mauer zum Einsturz zu bringen die Freunde, Verwandte, und Menschen vom Frieden und der Freiheit trennte. Und die Mauer fiel.

Heute skandieren sie wieder, die besorgten Bürger von damals. Aber nicht um Mauern zu durchschlagen, sondern um die Mauern um Europa und in den Köpfen der Menschen zu festigen.

Und „die da“, das waren einmal Samir und seine Eltern. Als Ende der 90er die ersten Flüchtlinge ihr Domizil im Dorf bezogen, verhängte man Ausgangssperren und schloss die Haustüren zweimal ab. Aus Angst vor dem Unbekannten. Aus Angst vor der Angst. Auch aus Angst vor Samir, der heute längst kein Unbekannter mehr ist. Er ist einer von ihnen geworden. Für die meisten schon immer da. Nicht mehr fremd, also keine Bedrohung.

Das Haus von Samirs Eltern stand, im Gegensatz zu allen anderen, jederzeit und für jeden offen. Das hatte den Vorteil, dass sich jeder Skeptiker ein Bild davon machen konnte, dass Samirs Eltern allen Gerüchten zum Trotze nicht nach dem Beten mit dem fliegenden Teppich aus dem geöffneten Fenster zur Arbeit flogen und sein Vater auch nicht per Handauflegen heilte. Ganz im Gegensatz zu Frau Huber aus dem Märchenwald. Die heilte mit kosmischen Strahlen, behandelte Chakren und pendelte eine Bronchitis elegant mit dem Bio-Tensor aus. Zu der strömten sie alle wie zur weihnachtlichen Christmette. Denn Reiki ist nicht ausländisch, sondern Esoterik!

Als Samir dann auch noch Mitglied im Schützenverein wurde, war aber endgültig Alarm in Kaffhausen, denn wenn der Taliban zur Waffe greift, ist Schluss mit lustig im Hinterwald. Obwohl doch eigentlich jeder wusste, dass Terroristen eher selten mit Stöcken Holzvögel warfen.

Aber wie schon Edgar Wasser sagte: „Das Problem mit der Integration, ist das Problem mit der Integration. Beim Döner hats funktioniert, beim Döner hörts auf.“

Ich würde gerne einfach mal wieder meine Hände auf die Augen legen und verschwinden. Einfach mal abschalten, den Router ausmachen und die Zeitung weglegen. Abtauchen in eine Welt, die nur ich betreten kann. Aber so lange sich „…gida“ gegen „die da“ erhebt und „da oben“ die Augen verschließt, schaut außer uns niemand mehr hin.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s