Du kommst hier nicht rein

Du kommst hier nicht rein: Oder: Erst wenn MTV wieder Musik spielt

„Nein, wie vornehm du aussiehst. Wie ein richtiger Mann. Und so erwachsen. Das steht dir wirklich ganz ausgezeichnet. Aber ganz ausgezeichnet. Gut, ja, ist vielleicht noch ein kleines bisschen groß, aber da wächst du schon noch rein, nicht wahr!? Hihi. Das kannst du bestimmt auch gut nach der Konfirmation noch anziehen. Zu Tante Juttas Geburtstag. Die hat ja auch bald. Die freut sich doch immer. Das weißt du doch Junge. Also wirklich, ganz ausgezeichnet!“

Mutter spuckte sich auf die Hände und strich mir den Scheitel zurecht. Ich starrte ungläubig auf mein hässliches Alter Ego im Spiegel. Mein Vater schwieg. Die Verkäuferin, die, rein optisch betrachtet, aussah als würde sie ihren wohlverdienten Ruhestand schon seit einigen Jahren erfolgreich vor sich her schieben, kniete vor mir auf dem Boden, stocherte mit zittrigen Händen am Hosensaum herum und punktierte dabei in regelmäßigen Abständen meine Fußreflexzonen.

Das Geschäft war ein altehrwürdiges Kaufhaus im Nachbardorf, dessen Angestellte schon meine Ur-Großmutter, Großmutter, Mutter und nun auch noch mich einkleiden durften. Ein generationenübergreifendes Textil-Versorgungszentrum quasi, welches die Modetrends des Jahres immer um Haaresbreite verfehlte. Das Duftpanorama, ein Gemisch aus Mottenkugeln und letzter Ölung. “Gesalbet sei dein Haupt, kleiner dicker Junge!”

Ich war allein. Allein mit meinen Eltern und dem Handlanger des Bösen zu meinen Füßen. Mit einem leisen Seufzer schaute ich an mir herunter, dann erneut in den Spiegel und ließ resignierend die Schultern hängen.

Die Neonröhre in der Ankleidekabine flackerte unaufhaltsam, so als wollte mir Gott schon mal gleich eines mit auf den Weg des Lebens geben:

“Hohoho. SO NICHT, MEIN SOHN!!”

Und wer konnte es ihm verübeln? In der blauen Cordhose und der grünen Satin-Ballonjacke sah ich aus wie ein drogensüchtiger Backgroundtänzer im Milli Vanilli-Video. Und auch die Tatsache, dass ich vermutlich in diesem “Ice, Ice, Baby”-Look selbst für die Hölle zu hässlich war, beruhigte mich kaum.

“Und jetzt noch die Fliege. Die Fliege fehlt noch. Frau Hörnig, wir brauchen eine passende Fliege!”, rief mein Vater aus dem Off. Belzebubs emsiges Helferlein unterbrach sofort sein Voodoo-Ritual und wuchtete sich schleppend auf. Im Eifer des Gefechts fiel dabei eine Nadel zu Boden und landete punktgenau im grünen Teppich. In etwa zur gleichen Zeit rieb sich ein Kind in einer indonesischen Klöppelfabrik mit schmerzverzerrtem Gesicht das Bein und die Firma KiK wurde gegründet. Schreckliche Zufälle.

Frau Hörnig verschwand in einem der vielen Gänge und das Flackern in der Ankleide hörte schlagartig auf. Vermutlich war sie so etwas wie der zu Fleisch gewordene Störsender des Dunklen Lords. Oder Nordkoreas. Man wusste es nicht so genau. Es hätte mich jedenfalls nicht im geringsten gewundert, wenn Kim Jong Hörnig, sowie die gesamte Belegschaft des Modehaus Schreiber nach Dienstschluss, in schwarze Roben gekleidet, frisch gebackene Konfirmanden opferten, oder sich gegenseitig mit Blutwurst einrieben. Oder gar noch schlimmer: Nivea!

Und immer noch hallte Gottes frohe Botschaft in meinen Ohren nach:

“Hohohoho: OPFER”

A propos: OPFER

Im Kassenbereich stand ein kleiner Nachbau der Arche Noah in Form eines Kinderkarussels, sowie eine Rutsche, die ins untere Stockwerk führte. Bei den Eltern sehr beliebt, von den Kindern mit der nötigen Skepsis betrachtet. Kannte doch jeder die Geschichten von jemanden der jemanden kannte, dessen Onkel wiederum einen Sohn hatte, der sein Kind in genau dieser Rutsche zum letzten Mal gesehen hatte.

Vermutlich war es schlichtweg der gut getarnte Eingang zum Vorzimmer desjenigen, dessen Name nicht genannt werden durfte, oder es war einfach nur die Rutsche ins untere Stockwerk. Man weiß es nicht.

Zurück zum: OPFER

Mein Bruder saß passenderweise auf einem Plastik-Löwen, der schon einiges in seine Leben hatte tragen müssen, dementsprechend benutzt aussah und eigentlich auch gut und gerne als Langhaarcollie durchgehen konnte. Einzig sein voluminöser Körperbau, sowie der Umstand, dass Lassie, in der Bibel zumindest, nach meinem Kenntnisstand keine Erwähnung gefunden hatte, sprachen dagegen.

Mein Bruder drehte selig-lächelnd seine Kreise. Unwissend, dass er nur drei Jahre später, in genau DIESEM Outfit, ebenfalls in der Kirche auflaufen würde.

Das elektromagnetische Feld in Person von Frau Hörnig war zurück. Die Neonröhre flackerte wieder.

„Da sieht man mal wie der Schöpfer formt!“ Sie lächelte und reichte mir ein vergilbtes Schwarz-Weiß Foto eines alten Mannes, der offenbar mein Ur-Großvater war. Ich wusste nicht, ob mich die angeblich so verblüffende Ähnlichkeit hätte begeistern oder frustrieren sollen. Schließlich war meiner Meinung nach die Fliege aber auch wirklich das Einzige, was uns rein optisch betrachtet in diesem Moment verbunden hatte. Und der Umstand, dass wir beide ziemlich dämlich ausgesehen hatten.

Mein Vater holte seine Polaroid-Kamera zum Vorschein und hielt den Moment für die Nachwelt voller Stolz fest. Mutter rieb mir noch eine großzügige Ladung Sekret in die Haare, dann durfte ich mich wieder umziehen. Man konnte nicht behaupten, dass ich ansonsten wie ein Modezar durchs Leben wandelte. Machen wir uns da mal nichts vor. Es waren die 90er. „Scheiße Aussehen“ war quasi „en vogue“. Aber man musste sein Glück ja nun nicht herausfordern.

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