Offener Brief an die Stadt Rosenheim (vom 08.12.14)

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Rosenheimer Prominenz.

bevor ich Sie mit meinem Anliegen konfrontiere, möchte ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Martin. Ich komme aus Rosenheim und ich bin ein Gutmensch. So, oder so ähnlich werden wir jedenfalls seit Monaten von der besorgten Bürgerschaft in den Klatschspalten der Netzwelt bezeichnet. Wir, damit meine ich die vielen Helferinnen und Helfer, die Ehrenamtlichen, aber auch die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Rosenheim, die sich mit sehr viel Herzblut für die Menschen einsetzen, die aufgrund von Krieg, Armut und politischer Verfolgung ihre Heimat verlassen mussten und nun vor dem Nichts stehen. Ich persönlich lebe seit über einem Jahr in dieser schönen Stadt und betreue seit einigen Monaten als ehrenamtlicher Helfer mit weiteren wunderbaren Menschen den Nordtreff. Dieser Treff ist Anlaufstelle für Menschen aus Afghanistan und Pakistan.

Wir sprechen dort über Probleme, die im Alltag auftreten können. Beispielsweise Behördengänge, Besuche bei Ärzten etc. Wir lernen dort aber auch zusammen, miteinander und vor allem voneinander. Jede Woche werden Themen behandelt, welche von Interesse für unsere Neumitbürgerinnen und -mitbürger sind. Wir sprechen über die deutsche Geschichte, über besondere Bräuche, Sitten und wie man sich in bestimmten Situationen bei uns verhält. Dies ist zwingend notwendig, da sich unsere Kulturen doch sehr stark voneinander unterscheiden. Ich sehe dies aber nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung.

Als persönliche Bereicherung und als Bereicherung für unsere Gesellschaft.

„Es kommen doch zumeist junge Männer zu uns. Und dann steigt die Kriminalität. Die bringen uns Krankheiten, vergewaltigen unsere Frauen und liegen dem Staat auf der Tasche. Wir sind doch nicht das Sozialamt der Welt!“

Dies sind Aussagen von Menschen, die man im Zuge der Flüchtlingsdebatte jeden Tag in Zeitungen und sozialen Netzwerken liest, sowie auf der Straße hört. Jeden Tag gehen tausende Menschen auf die Straße, um gegen „die Islamisierung des Abendlandes“ zu demonstrieren. Oftmals unter dem Mantel der Friedensbewegung, Pegida, Bagida, Hogesa…etc.

Menschen marschieren mit Fackeln durch die Straßen und posaunen ihre menschenfeindlichen, rassistischen Parolen in die Vororte der Republik.

Wir stellen darüber hinaus eine Zunahme der fremdenfeindlichen Straftaten fest. Es werden wieder Flüchtlingsunterkünfte attackiert und Menschen mit anderer Hautfarbe bedroht. Dies geht nicht nur von verfassungsfeindlichen, rechten Parteien aus, sondern kommt aus der Mitte der Bevölkerung. Der moderne Nazi trägt nicht mehr Bomberjacke und Glatze, sondern lehrt an Universitäten, steht im Lidl an der Kasse, arbeitet als Polizist, Gärtner, oder Arzt. Die rechte Gefahr schleicht sich seit vielen Monaten ganz langsam quer durch unsere Gesellschaft und erhebt die Stimme.

Es geht den Organisatoren dabei gar nicht um den Kampf gegen den bösen Salafisten, sondern um den Moslem. Die gegenwärtige Angst vor dem Terror, nur die Eingangspforte für rassistische Ideologien und faschistisches Gedankengut.

In Rosenheim hat sich ein Gegenpol entwickelt, ein aktiver Helferkreis, der sich den Ängsten und Sorgen der Menschen annimmt, die Zielscheibe all des Hasses und der Wut der besorgten Bürgerschaft ist. Der Flüchtling. Das Fremde. Eine Bedrohung?

Ich habe bewusst ein Fragezeichen gesetzt. Wir arbeiten seit vielen Monaten, manche seit Jahren, mit schutzsuchenden Menschen. Menschen, die traumatisiert und verzweifelt sind. Menschen, die ihre Heimat, ihre Familie verloren haben.

Mütter, die wochenlang mit ihren kleinen Kindern fliehen mussten. Junge Menschen, die über Italien, Ungarn, Griechenland gekommen sind und nun endlich ihren Traum von einem Leben in Frieden wahr machen wollen. Menschen, die misshandelt wurden, in Gefängnissen hungerten. Kinder, die den Krieg hautnah erlebt haben. Menschen. Menschen. Es sind keine Flüchtlinge, sondern Menschen mit Geschichten. Mit Herz. Mit Träumen und Hoffnungen.

Ich habe in Rosenheim am Bahnhof einen jungen Mann aus dem Senegal getroffen. Er kam, wie viele andere auch, mit dem Zug aus Italien und wurde in Rosenheim hinausgezerrt. Im „grenznahen Raum“. Er sollte wieder zurück nach Italien. Dieser Junge sagte mir: „Why do they treat us like animals? I am a human beeing. I have blood in my veins“. Er ist ein Opfer von Dublin 2. Einem wahnwitzigen Abkommen, welches keinem Schutzsuchenden ermöglicht, legal nach Deutschland zu kommen. Sie wissen, dass dieses Abkommen besagt, dass die Schutzsuchenden dort einen Asylantrag stellen müssen, wo sie erkennungsdienstlich erfasst wurden. D.h. wo Fingerabdrücke abgegeben wurden. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass dies in den seltensten Fällen Deutschland sein kann. Es sei denn man hat ein gut funktionierendes Katapult oder springt mit dem Fallschirm ab. Aber viele andere Länder sind überfordert. Italien, Griechenland. Länder mit wirtschaftlichen Problemen. Länder, die dieses Problem nicht alleine bewerkstelligen können. Wir hingegen können helfen. Wir müssen nur wollen.

Es kommen keine Sozialschmarotzer und Verbrecher zu uns. Die Schutzsuchenden in Rosenheim sind Akademiker, Ingenieure, Installateure, Lehrer. Menschen, die unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht bereichern könnten. Aber sie dürfen nicht. Sie wollen lernen. Sie wollen arbeiten, aber sie dürfen nicht. Die Menschen kommen oftmals in Massenunterkünften unter und müssen dort wochen- manchmal monatelang warten, bis sie ihren Asylantrag stellen dürfen. Erst dann dürfen sie die Notunterkunft verlassen. Sie haben kein Recht auf Deutschkurse, auf Integration. Dabei wäre es doch genau das, was wir bräuchten. Wir brauchen Menschen die helfen, aber auch Behörden, die den bürokratischen Weg umgehen und handeln.

Wir haben in Rosenheim etwas Tolles geleistet und tun dies noch immer. Als bekannt wurde, dass die Luitpoldhalle als Notunterkunft herhalten muss, haben sich innerhalb kürzester Zeit über hundert Menschen gemeldet. Menschen, die helfen wollten. Menschen, die spenden wollten. Heute ist jeder der Flüchtlinge aus der Halle persönlich betreut. Es hat nie Ausschreitungen gegeben, es gab nie Probleme. Trotz vieler Kulturen auf einem „Haufen“. Warum ist das so? Weil die Menschen nicht alleine gelassen worden sind, sondern man sich um sie gekümmert hat. Vereine haben ihren Beitrag geleistet. Geschäfte gespendet. Privatpersonen haben gespendet. Die Menschen in der Halle, sowie die Helferinnen und Helfer sind eng aneinander gewachsen und eine Familie geworden. Es wurden Freundschaften geknüpft. Private Unternehmungen durchgeführt. Zusammen gekocht, gelacht, geweint.

Leider soll die Luitpoldhalle bis Weihnachten geräumt werden und diese Menschen, Menschen, die uns ans Herz gewachsen sind, Menschen, die unser Vertrauen genießen, müssen wieder gehen. Und das, obwohl Rosenheim im kommenden Jahr wieder Schutzsuchende aufnehmen muss und die Unterkünfte momentan hergerichtet werden. Wir Helfer haben private Wohnungen gefunden, uns mit Vermietern unterhalten, die alle bereit wären, die Neumitbürger für den Übergang zu beherbergen. Wir haben so viel Zuspruch aus der Bevölkerung und Unterstützung bekommen. Und es liegt nicht nur an der Bürokratie, dass unser Bemühen ungehört bleibt, sondern ebenso am Willen. Oder besser gesagt: Am Nichtwollen.

Seit einigen Tagen werden bereits die ersten abgeholt und bundesweit verteilt. Es wurden drei Brüder nach Karlsruhe geschickt. Zwei davon minderjährig. Diese jungen Menschen kommen dort an, werden nicht abgeholt, niemand kümmert sich und tags drauf werden sie weiter geschickt. Nun leben sie in einer Notbehausung. Ohne Betreuung, ohne Hilfe, ohne Zuspruch. Minderjährige Menschen, die sich mühsam die Flucht erarbeiten mussten. Deren Weltbild zerbrochen ist und die endlich Menschen gefunden haben, die sie lieben. Wir haben Schutzsuchende, die nach Chemnitz kommen und uns von untragbaren Zuständen berichten. Chemnitz, Schneeberg, Hochburgen der Rechtsradikalen, die dort jeden Tag mit Fackeln durch die Stadt marschieren. Es ist unmenschlich, junge Mütter, Kinder, traumatisierte junge Männer von einer Notunterkunft in die Nächste zu schicken. Es ist unmenschlich und unnötig. Wir haben hier den Platz und die Hilfsbereitschaft. Wir bürgen für diese wunderbaren Menschen, die uns in den letzten Wochen so bereichert haben. Wir standen am Bahnhof und haben unsere Freunde fahren sehen. Wir haben die Verzweiflung gesehen und die Tränen. Wir haben die Dankbarkeit erlebt, die uns die Menschen entgegen gebracht haben.

Wir würden uns sehr wünschen, wenn sich jemand unseren Sorgen annehmen könnte und uns unterstützen würde. So wie Flüchtlingspolitik in Rosenheim betrieben wird, so geht man mit Menschen um. Aber diese unsägliche, menschenunwürdige Verschiebepolitik ist wirklich Irrsinn. Wir haben ein sehr enges und vertrauensvolles Verhältnis zu den Neumitbürgerinnen und Neumitbürgern in der Luitpoldhalle. Wir kennen die Ängste und Sorgen dieser Menschen. Jeder von ihnen ist persönlich durch einen Paten betreut. Es wurden Deutschkurse angeboten, Freizeitaktivitäten, Gespräche geführt. Wir möchten, dass unsere Schutzsuchenden nicht wieder weiter geschickt werden. Eine weitere Notunterkunft entwurzelt diese Menschen. Vor allem ist es Schwangeren und Minderjährigen nicht zumutbar. Und der Wohnraum wäre in Rosenheim vorhanden. Wir haben alle hier gekämpft und sehr viel Energie in diese Arbeit gesteckt. Es wäre wirklich traurig und auch völlig sinnlos, wenn wir diesen Menschen weitere Strapazen zumuten würden.

# Und es wäre begrenzt, da ab Februar offizieller Wohnraum in Rosenheim vorhanden wäre und die Stadt kommendes Jahr neue Flüchtlinge aufnehmen muss. Wieso dürfen dann nicht diejenigen bleiben, die hier ihr neues Zuhause gefunden haben?

Wir alle würden uns sehr freuen, wenn wir von Seiten der Politik, der Vereine und der Bürgerinnen und Bürger Hilfe und Unterstützung bekommen würden. Denn die Zeit rennt. Am Montag soll die Halle komplett geräumt werden und dann müssen uns die liebgewonnen Menschen verlassen. Uns blutet das Herz und Sie spüren vielleicht auch in meinen Worten die Verzweiflung.

Wir hoffen, dass unser Ruf erhört wird und ich wünsche Ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit.

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Ein Gedanke zu “Offener Brief an die Stadt Rosenheim (vom 08.12.14)

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