Trommelwirbel – DREI!

DREI!

„Martin Maximilian Werner Sieper!! Wenn du jetzt nicht AUGENBLICKLICH da runter kommst, dann geht es heute Abend ohne Fruchtzwerg ins Bett! Ich meine es ernst!

EINS.“

Man konnte jetzt nicht unbedingt behaupten, dass es am Wollen scheiterte. Ich war damals durchaus willens den Anweisungen meiner Mutter Folge zu leisten. Ein ganzer Abend ohne Fruchtzwerg? Schier unvorstellbar! Aber die Diskrepanz zwischen Wollen und Können war schlichtweg zu groß. Und zu hoch. Ganze 2,50 Meter um ungenau zu sein.

Wie ich es überhaupt bis in die Baumkrone schaffte, konnte mir rückblickend betrachtet auch niemand mehr so ganz genau sagen. Vermutlich wäre es eh sinnvoller gewesen, wenn man mir den Fruchtzwerg verboten hätte, bevor ich überhaupt erst in diese brenzlige Situation geraten konnte. Die Sache war ja eigentlich sehr klar und in der Fauna unmissverständlich geregelt: Auch wenn das Eichhörnchen noch so niedlich sein mochte – der Eber bleibt auf dem Boden! Das ist von Mutter Natur so vorgesehen und sollte auch nicht anders ablaufen. Wo kämen wir denn hin, wenn heute überall die Wildschweine in den Baumgipfeln sitzen würden? Der Eber, in diesem Fall ich, hatte seine gewöhnliche Jagdumgebung verlassen und den natürlichen Kreislauf einmal so richtig durcheinander gebracht. Das Eichhörnchen in Gestalt meines Bruders saß drei stabilere Äste weiter oben, aß genüsslich ein Cornetto Nuss und wähnte sich in Sicherheit.

 

ZWEI

Und es war ja nun wirklich nicht so, als hätte ich die Gesamtsituation nicht im Vorfeld besser abschätzen können. Ich mein, schon im Sportunterricht habe ich es mit Müh und Not auf eine 4 – gebracht, indem ich es schaffte meinen voluminösen Prachtkörper ohne Blessuren auf den untersten Knoten des Taus zu wuchten. Eine konditionelle Meisterleistung und ein Anblick, welcher der Schülerzeitungg bis heute die höchsten Absatzzahlen bescheren konnte: „Heute Exklusiv: Der Dicke am Tau – Stammen wir wirklich vom Affen ab?“

Klettern war an und für sich eine elementare Grundvoraussetzung im Leben eines jeden Dorfkindes, schließlich konnte man sich ja nie sicher sein, ob nicht irgendein orientierungsloser Wisent-Bulle, oder eine beschützende Wildsau mit ausgeprägtem Mutterinstinkt vor der nächste Weggabelung stand. Denn die kommen ja bekanntermaßen auf dem Land- und nicht auf dem Luftweg. Wenn sie nicht gerade den natürlichen Kreislauf aus dem Gleichgewicht brachten.

Mein Bruder war schon immer mehr der sportliche Typ gewesen. Ich konnte nur Klavier, Glockenspiel und Flöte. Hatte ich aber dummerweise alles nicht dabei und ich möchte auch behaupten, dass die musikalische Früherziehung mir in diesem Fall auch nicht unbedingt weiter geholfen hätte. Sowas klappt immer nur um Dschungel bei Tarzan oder Jumanjii. Hier war aber nur rheinisches Schiefergebirge und Mutter! Wenn man am Dorf dabei erwischt wurde, wie man flötespielend auf einem Baum saß, dann würde man entweder mehr trinken, oder denken: Ey Hippie, lass die Drogen, zieh nach Dresden!

Das Leben im Mikrokosmos Kuhkaff war unantastbar

 

„KOMMSTDUJETZTODERMUSSICHDICHHOLEN?!“ Die Miene meiner Mutter verzog sich zunehmend. Jedenfalls soweit ich es erahnen konnte.

Ich gebe zu, jetzt war meine Neugierde geweckt, aber ich entschied mich, gerade auch im Hinblick auf das zukünftige Zusammenleben mit meiner erziehungsberechtigten Mitbewohnerin gegen eine direkte Konfrontationstherapie auf dem Baum.  Auch wenn es schwer fiel, da schon allein die vielen lustigen Bilder im Kopf wahrhaftige Glückshormone freisetzten. Aber im Gegensatz zu anderen Kindern, die die  Grenzen bis ins letzte Detail ausreizten, konnte ich meinen frühpubertären Tatendrang zurückhalten.

Unter mir hatte sich mittlerweile eine Menschentraube angesammelt, die wild durcheinander redete und fassungslos, jedoch mit einer Brise Bewunderung zu mir hinaufschaute. So viel Aufruhr hat es nicht mehr gegeben, seitdem es Robert gewagt hatte mit der Bravo zur Jungschar zu kommen. Allen voran Herr Huber.

Herr Huber war tief in seinem Herzen ein liebenswerter Mann. Er war mit gefühlten 103 Jahren der Dorfälteste, fester Bestandteil der Kaff-Gemeinschaft mit geradliniger Vita: Grundwehrdienst, Feldjäger, Zerspannungsmechaniker bei Thyssen Krupp, Schützenkönig ´63, Schützenkönig ´64, Schützenkönig ´65, dann pleite, Zweitjob, Rente versoffen, Feuerwehr, Dorfsherrif. In seinem Keller hortete er ein ganzes Waffenarsenal aus mehreren Weltkriegen und diverse Reichspropaganda-Symbolik, mit der er auf einen Schlag die deutsche Rüstungsindustrie vernichten konnte.  Seine selbst auferlegte Aufgabe bestand darin, als Ein-Mann-Bürgerwehr die heimischen Grenzen vor unliebsamen Eindringlingen zu schützen, indem er jeden kontrollierte, der sich nach 20 Uhr noch draußen aufhielt und irgendwie verdächtig aussah. Das war insofern problematisch, da am Dorf, nach 20 Uhr, irgendwie jeder verdächtig aussah. Und es auch eigentlich keine unliebsamen Eindringlinge gab.

Gut. Es gab die Sprayer, die in regelmäßigen Abständen die Fassade des Kindergartens beschmierten und zum Abschluss ihre eigenen Initialen unter das „Kunstwerk“ taggten. Was auf dem Dorf eine ziemlich bescheuerte Idee war. Dann gab es noch die Mofa-Gang. Und es gab mich.

DREI!

Als ich aufwachte, fand ich mich einige wenig stabilere Äste weiter unten wieder. Man konnte mit Fug und Recht behaupten, dass ich den Kampf gegen Schwerkraft und Natur verloren hatte. Man würde auch nicht allzu viel verraten, wenn man behaupten würde, dass der Baum auf dem ich gesessen hatte, in dieser Geschichte keine wirklich tragende Rolle mehr spielen sollte.

Herrn Huber wurde relativ schnell klar, dass der Erste-Hilfe-Kurs in seiner ach so geradlinigen Vita fehlte. Aber immerhin atmete ich noch. Meine Mutter schüttelte nur verständnislos den Kopf. Mein Bruder grinste.

Irgendwo saß ein Eber irritiert auf einem Baum und grunzte. Glaubte ich zumindest.

 

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