Drei Ecken, ein Elfer

Akt 4: Drei Ecken, ein Elfer

„Eyyyyyy, Schiiiiiiiiriiiiiiiiii!!!!! 80 Kilo fallen nicht von alleine!!!!“

Die Menge tobte. Mein Vater rannte wild gestikulierend am Spielfeldrand auf und ab und beschimpfte den Schiedsrichter. Ich zappelte im Netz wie ein Pottwal im japanischen Gewässer. Dann war das Spiel zu Ende

Dass ich es überhaupt in die F-Jugend des örtlichen Fußballvereins geschafft habe, hatte ich eher weniger meinen filigranen und technisch ausgefeilten Fähigkeiten am Ball zu verdanken, als viel mehr einer Kombination aus diplomatischem Geschick und juristischem Staatsexamen. „Das Spiel dauert 90 Minuten, der Ball ist rund, vor dem Spiel ist nach dem Spiel, Elf Freunde müsst ihr sein und der Dicke darf mitspielen!“ waren die aufbauenden Worte unseres Trainers in der Umkleidekabine.

Ich fühlte mich auf dem Platz so fremd wie ein Delphin in einer Thunfischdose. In meinem Trikot, welches es selbstverständlich nicht in meiner Größe gab, sah ich aus wie der kleine, moppelige Bruder von Ailton. Zu allem Überfluss hatte sich dann auch noch die ortsansässige Metzgerei dazu entschlossen, ihrer unbändigen Kreativität – getreu dem Motto: „Ick glob ick mach ma wat richtig verrücktes, wa?“ – freien Lauf zu lassen und ihren Werbeslogan derart zu verändern, so dass wir fortan mit „Die Wurst“ als Trikotsponsor aufliefen. Kam natürlich super an. Vor allem bei den Mädchen. Hatte ich doch bis dato allen verschwiegen, dass mein eigentliches Interesse am Fußball weniger dem runden Leder zu verdanken war als viel mehr Ines. Ines war auch rund, stand im Eckigen und liebte Uwe Kamps. Während sich die Berufswünsche meiner Schulkameraden um Weltall, Lokführer oder Feuerwehr drehten, war mein Traum: Spielerinnenmann. Dass ich auf dem Feld so kompakt stand und die Räume geschickt eng machte, lag weniger an meiner vorausschauenden Spielweise, als viel mehr an meiner bloßen Anwesenheit. Meine Leistungen entsprachen nicht im Geringsten denen eines echten Sechsers, sondern waren mehr so…. 4 π*r2-Kugelblitz. Die Anweisung des Trainers das Spiel breit zu gestalten habe ich eindeutig fehlinterpretiert. An jedem Spieltag baute Super RTL für „Oops, die Pannenshow“ gefühlte 20 Kameras rund um das Feld herum auf, die jede meiner Bewegungen, quasi ohne technischen Aufwand, in Slow Motion für die Nachwelt aufnahmen und festhielten. Und sie wurden nicht enttäuscht. Da meine Eltern der festen Überzeugung waren, dass man nicht mit vollem Magen zum Sport ging, wurde ich regelmäßig vom Platzwart darauf hingewiesen doch bitte nicht den Löwenzahn am Spielfeldrand zu verzehren. Als ich zum wiederholten Male wegen unfreiwilligen Sperrens ohne Ball vom Platz flog, gab ich meinen Rücktritt vom Amateursport bekannt. Das machte das Team zwar nicht unbedingt erfolgreicher, bot aber zumindest jedem mehr Freiraum zur persönlichen Entfaltung. Denn wichtig ist am Platz und die Null muss stehen.

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