Familienduelle (3) – No risk, no fun

„Schach Matt!“ Opa würfelt eine Sechs, zerreißt mehrere Missionskarten und schreibt „Deutschland“ zur besseren Orientierung mit schwarzem Edding auf das Spielbrett.

Über unserem Esstisch erstreckt sich ein überdimensional großes Risiko-Spiel mit den nachträglich ein skizzierten Grenzen von ´33. Opa positioniert seine Truppen in Mitteleuropa und ärgert sich über die unspezifischen Länderabgrenzungen, mein Cousin besetzt Mittelerde und wundert sich über das Fehlen von Orks und ich wundere mich in dieser Familie gar nicht mehr.

 

„Bei diesen ganzen Einzelmissionen verliert man doch das Große Ganze aus den Augen!“ empört sich Opa.

„Das Spiel heißt Risiko!“, entgegnen wir, aber er winkt ab.

„Wenn ich ´44 mim Russen gewürfelt hätte DAS wäre Risiko gewesen!“

Meine Schwester versammelt unterdessen mehrere Reiterstaffeln in Skandinavien und hält sich aus allem raus. Ihr einziger Verbündeter scheint Island zu sein. Wegen der Ponys. Opas Gesicht läuft rot an.

„Das ist ein Schlachtfeld und keine Pferdekoppel!“

 

Oma blättert währenddessen seelenruhig in einem alten Familienalbum und schwelgt in Erinnerungen.

„Als der Opa in deinem Alter war, da war er schon 30! Das muss man sich mal vorstellen!“

„Dam ham´ Protestparteien „Schiffe versenken“ noch offline gespielt“, merke ich an.

 

„Ich war mit 30 ja schon Veteran!“, erklärt Opa weiter und hält sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Bein.

„Na, Kriegsverletzung?“, frage ich aber er schüttelt mit dem Kopf.

„Ne, eingeschlafen“, erwidert Opa.

„Wenn ihr 1933 auch eingeschlafen wärt, hätte ich in der letzten Geschichtsarbeit ne Eins mit Sternchen“, platzt es aus meinem Cousin heraus. Man hätte ihn an dieser Stelle darüber aufklären können, dass die tatsächliche Existenz von Hobbits geschichtswissenschaftlich gesehen nicht unbedingt sooo fundiert ist, aber ich schweige und stelle mich vor wie lustig es gewesen wäre, wenn Frodo kurz vor Mordor an Mussolini gescheitert wäre …

„Und du arbeitest jetzt echt im Außendienst, Junge?“ Oma klammert sich immer noch an das völlig vergilbte Bild meines Großvaters. Ich nicke.

 „Ich hab ja auch mal im Außendienst gearbeitet!“, erzählt eben dieser jetzt voller Stolz.

„Ich dachte du warst Maurer?“ frage ich etwas verwundert.

„Ich mein doch den Krieg, den ham´ wir auch nicht drinnen verloren!“ Er fährt kopfschüttelnd mit den Fingerspritzen über Mitteleuropa und räuspert sich.

„Außendienst ist wie Krieg!“ fährt er fort. „Es geht immer um Fläche und Raumgewinn!“

„Du, ich arbeite in Österreich. Das ist ein eher suboptimaler Vergleich!“

„Österreich? Da war ich ja auch mal, glaub ich.“

„Glaubst du?“ frage ich etwas verwundert.

„Naja, die Grenzen verschwimmen mit der Erinnerung, was?!“

 

„Schreibst du eigentlich immer noch diese Geschichten, Junge?“ Oma blickt mich neugierig an. Ich hole einen Notizzettel unter dem Esstisch hervor und grinse.

„Der verarscht dich doch immer beim Vorlesen “, petzt mein Cousin.

„Ich hab schon Geschichte geschrieben da gab es noch gar keine deiner Geschichten!“ protestiert Opa.

„Ich lese nicht, ich slamme!“ merke ich an.

„Als der Oppa in deinem Alter war da wurde noch vom Balkon aus geslammt!“ platzt es aus meinem Onkel heraus.

„Ja sicher“, sage ich, „und damals wurde auch noch per Handzeichen abgestimmt!“ Opa überhört das.

 „Wird wirklich Zeit, dass du mal was Richtiges arbeitest!“ fällt mir nun mein Onkel erneut in den Rücken. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass ich bereits mit 14 Jahren Zeitungen ausgetragen habe woraufhin er lautstark zu lachen beginnt. „Dein Oppa hat mit 14 schon dafür gesorgt, dass die Zeitungen überhaupt was zu schreiben hatten!“„Ja klar, und ohne ihn hätte N-TV heute auch kein Nachmittagsprogramm“, füge ich hinzu. Ich bemerke jetzt erst, dass im Hintergrund eine Folge der Reportage „Hitlers Helfer“ in Dauerschleife läuft.

 Währenddessen spitzt sich die Situation zunehmend zu und wird immer skurriler. Meine Schwester hat mittlerweile aus Pappmaschee einen Weidenzaun gebastelt und verteilt liebevoll grünen Filz über das Spielbrett. Opa kommt gar nicht dazu, sich aufregen und diskutiert mit meinem Cousin über die Existenz des Auenlandes.

 

Dieser ist beleidigt weil er seine Charaktere nicht „hochleveln“ kann und versucht mit Hilfe von Magic-Karten Opa mit Spezial-Zaubern zu bekämpfen, woraufhin meine Schwester anmerkt, dass das Zaubern außerhalb von Hogwarts verboten sei.

 

 

Auf N-TV beginnt nun eine Dokumentation über den Untergang der Bismarck. Opa prangert Geschichtsfälschung an und zieht seine Truppen nach Ozeanien. Mein Cousin erklärt, das Spiel sei erst zu Ende, wenn der Ring im Feuer läge und ich erkläre den Plan, historische Zusammenhänge spielerisch mit Risiko zu erlernen, eindeutig für gescheitert.

 

 

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