Alte Schwedin

„Findest du das nicht ein klein bisschen kindisch?“, fragt meine Freundin und deutet auf das eingeschweißte Exemplar der Wendy-Zeitschrift auf unserem Esstisch. „Katha wird 40 und nicht 12.“
„Ich weiß!“, sage ich und „Nein!!“, füge ich hinzu während ich das Bravo-Girl-Zeitungspapier elegant hinter meinem Rücken verschwinden lasse.
„Ich finde das nicht kindisch, sondern…. angemessen“, fahre ich fort und suche nach Tesafilm. „Angemessen“, ui, das klingt sehr neutral, denke ich und gebe mir einen imaginären Schulterklopfer. Bei Frauen muss man ja etwas vorsichtiger sein, wenn es ums Alter geht. Vor allem wenn man 40 wird. Wobei 40 ja auch nur Pubertät ohne Pickel und Justin Bieber ist, denke ich.
„40 ist doch auch nur Pubertät ohne Pickel und Justin Bieber“, sage ich und ernte von meiner Freundin einen bösen Blick.
„Und überhaupt“, ergänze ich meine Ausführungen „“alt“ ist ja immer relativ. Kann man drehen und wenden wie man mag. 40, das ist ….. 4 x 10, 2 x 20…. ich + 8. Wenn das kein Grund zu feiern ist!?“
„Hast du denn wenigstens auch an etwas sinnvolles gedacht?“, fragt meine Freundin. Ich nicke und hole eine Flasche Rotburgunder zum Vorschein.
„Alkohol! Hilft immer!“ Meine Freundin schweigt.
Zugegeben, so wirklich gut im Geschenke aussuchen war ich noch nie. Erst letztes Jahr habe ich meiner Freundin zu Weihnachten einen Akkuschrauber geschenkt, sowie einen Hammer, der in der Werbung mit „aus echtem Panzerstahl“ angepriesen wurde. Kam jetzt aber nur so minder gut an, wie ich rückblickend betrachtet eingestehen muss. Aber das ist ja am Anfang immer so, bis der erste IKEA-Schrank gekauft wird. Da hat der Schwede die Rechnung ohne den Herrn Krupp gemacht, denke ich. Wer uns die Billy-Plage schickt, der darf sich nicht wundern, wenn der kleine Mann von nebenan mit einem Panzerstahl-ummantelten und ‘45 kurz vor Moskau schockgefrosteten Hammer von Hornbach zurück schlägt.
„Nimm DAS, Köttbullar!“, rufe ich und mache mit der Hand eine schlagende Bewegung. Meine Freundin weicht irritiert zurück.
Die letzten Worte musste ich, ohne es zu bemerken, versehentlich laut ausgesprochen haben. Ich muss unweigerlich grinsen. Sollte man eigentlich viel häufiger sagen. „Nimm DAS, Köttbullar!“ Funktioniert immer.
„Du kannst Katha ja einfach ein Gedicht schreiben“, wirft meine Freundin etwas unüberlegt in den Raum.
Oh ja, ein Gedicht, denke ich, dass ich da nicht schon viel früher drauf gekommen bin. Na sicher! Da war ich war ja schon immer gut drin. Im Reimen! Bin ja mehr so der Lyriker in der schreibenden Zunft. Super Idee. Da ist es wieder, das Leid des Künstlers. Das war schon früher immer so. „Oho, der Junge kann Flöte spielen. Komm, spiel was für uns zu Weihnachten, Ostern, Mauerfall und Weltnichtrauchertag. Ätzend! Da sind meine Geschwister schön raus. Keiner würde auch nur im Entferntesten daran denken meinen Bruder zu bitten doch bitte mal als gratulierend-unterhaltsame Geste den Fußball hoch zu halten. Heute sind es bei mir eben Geschichten. GESCHICHTEN wohl bemerkt, keine Gedichte.
Dennoch schnappe ich mir Stift und Papier und lege los.

Liebe Katha,
Heut zu deinem Wiegenfeste
Wünsch‘ ich dir das Allerbeste
Wir trinken heut‘,
wie wunderbar,
auf die nächsten vierzig Jahr‘.

Die Hälfte hast du jetzt schon rum…

„Laaaaangweilig!“, protestiert meine Freundin.
„Das ist ein Gedicht“, erwidere ich. „Das muss so.“
„Du könntest doch einfach etwas Nettes über ihr neues Pferd schreiben.“
„Es trägt den Namen “Periannath“. Wenn es wenigstens “My Little Lasagne“ heißen würde. Das wäre doch viel lustiger.“ Meine Freundin seufzt einmal mehr. Ich verstehe das ganze Drama um den Pferdefleischskandal bis heute noch nicht so richtig. Ich mein‘, jeder Horst frisst doch das Zeug das Rügenwalder in die grobe Mettwurst presst und alle schreien auf, wenn die Lasagne wiehert. Da jucken doch dem Bauern die Hufe. Bei all dem Schrott der täglich in die Naturdärme der Welt gedrückt wird ist doch Pferd eigentlich noch Haute Cuisine.
„Nimm das, Köttbullar!“, wirft nun meine Freundin in den Raum. Jetzt lachen wir beide.
„Periannath ist übrigens elbisch“, erklärt sie weiter.
„Ja, na passt doch“, denke ich. „Franken ist ja auch mehr so das Auenland Bayerns. Lass uns doch noch einen Sauna-Gutschein dazu legen. Dann kann sie gleich mit ihrem Halbling in die Therme reiten und einen Ring beim Aufguss in die Glut werfen.“
„Welchen Ring?“
„Es geht um die Symbolik“, erwidere ich.
„Aha. Wellness und nicht Mordor, mein Lieber!“, empört sich meine Freundin.
„Wir können ihr auch alternativ einfach einen IKEA-Gutschein schenken“, merke ich an. „So etwas kommt doch immer gut. “
„Prima Idee“, sagt meine Freundin. „Dann kannst du den Hammer gleich mit verschenken.“
So wird das nichts, denke ich und packe die Wendy ein. „Wusstest du eigentlich, dass es im Internet einen Wendy-Club gibt? Habe ich gestern gefunden. Da heißt der Anstups-Button „Anwiehern“. Lustig, oder?“
„Geht so“, meint meine Freundin und öffnet den Wein.

 
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